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Vorschau auf die 54. Solothurner Filmtage: Sinnfragen und Erinnerungen

Vom 24. - 31. Januar finden die Solothurner Filmtage 2019 statt. Das sich „exklusiv“ dem Schweizer Filmschaffen widmende und für dieser auch wichtigsten, helvetischen Filmwerkschau steht zum achten Mal unter der Leitung von Seraina Rohrer und scheint in seiner 54. Edition ein Moment der Kontemplation und Einkehr erreicht zu haben.

Beim Zusammenstellen eines Festivalprogramms, erklärte Seraina Rohrer an der Pressekonferenz zu den 54. Solothurner Filmtagen, stosse man jedes Mal auf die zu Zeit herrschenden Tendenzen und angesagten Themen. Ins Auge gestochen sei bei der Auswahl 2019, dass die Filme – egal ob es sich um Milieustudien, persönliche Erzählungen, oder Porträts handle – durch „Relevanz und Haltung“ bestechen. Und thematisch würden sich derzeit viele Filmschaffende mit den ganz grossen Themen beschäftigen: Der Frage nach dem Sinn des Lebens etwa, der Suche nach Idealen, auch auszumachen sei eine (kritische)– Auseinandersetzung mit Religion, Spiritualität und Utopien. Es sind dies Themen, die in den Beiträgen der zwei Wettbewerbsprogramme „Prix de Soleure“ und „Prix du Public“ genauso aufblitzen, wie in denjenigen des „Panorama“-Programms, der als Jahresrückblick auf Produktionen aller Genres angelegten Werkschau.

Insgesamt werden 2019 in Solothurn 165 Filme gezeigt. 17 längere Werke – etwa die Spielfilme „Der Büezer“ von Hans Kaufmann und „Barbara Adesso“ von Alessandra Gavin-Müller, sowie die Dok-Filme „Digitalkarma“ (M. Olexa/ F. Scalisi), „Im Spiegel“ (M. Affolter), „Jenseits der Musik“ (D. Bernet) und und „Ly-Ling und Herr Urgesi“ (G. Moos) – erfahren dabei ihr Weltpremiere. Und wenn wir schon bei den Zahlen sind: Eingereicht die Solothurner Filmtage 2019 wurden insgesamt 646 Werke, das Jahr davor waren es 696.

Eröffnet werden die Solothurner Filmtage am Abend des 24. Januars in Anwesenheit von Bundesrat Alain Berset. Zur Aufführung kommt dabei „Tscharniblues II“, der dokumentarische Debütfilm von Aron Nick: Nick hat die Protagonisten, welche 1979 zusammen mit seinem Vater „Dr Tscharniblues“ drehten – einen Super-8-Film über die Berner Hochhaussiedlung Tscharnergut – noch einmal vor die Kamera gebeten und gefragt, was aus ihren Idealen geworden ist. „Tscharniblues II“ ist zusammen mit neun anderen Filmen für den „Prix de Soleure“ nominiert. Der Preis geht an einen Kinofilm, der ein „humanistisches Engagement mit prägnanter filmischer Gestaltung vereint“. Er wird 2019 zum elften Mal vergeben und ist mit CHF 60‘000 dotiert, bestimmt wird er von einer Jury bestehend aus der Regisseurin Esen Isik „Köpek“), der Schauspielerin Noémi Schmitt („Wolkenbruch“) und Nicola Foster, dem Präsident des Schweizer Think Tanks foraus vergeben. Zwei Jahre länger schon wird in Solothurn der „Prix du public“ verliehen. Er wird vom Publikum aus einer Reihe von zwölf Filmen erkoren und ist mit CHF 20‘000 dotierte; die Verleihung beider Preise findet am 31. Januar abends statt. An der „Nacht der Nominationen“ am 30.1. werden in Solothurn zudem die Anwärterinnen und Anwärter für die Schweizer Filmpreise bekanntgegeben, die Verleihung findet dann am 22. März 2019 in Genf statt.

In Solothurn geht es traditionell allerdings nicht nur um Preise, sondern vor allem um die Auseinandersetzung mit dem Schweizer Film und dem Schweizer Filmschaffen. Dabei werden in Rahmenprogrammen, Foren und Diskussionsrunden aktuelle Themen aufs Tapet gebracht, wird informiert, diskutiert und auch die Erinnerung gepflegt.

Dieses Jahr etwa erinnert man sich in Solothurn drei vor kurzem Verschiedener, die das Schweizer Filmschaffen über Jahrzehnte nachhaltig prägten. Der Kameramann Pio Corradi (‪1940-2019‬) dem zu Ehren man am Mittwoch in Anwesenheit verschiedener Weggefährten Matthias von Guntens „Reisen ins Landesinnere“ zeigt und der Filmemacher Yves Yersin (‪1942-2018‬) und Alexander J. Seiler (‪1928-2018‬), von denen sich in Solothurn einige Filme auch wiederentdecken lassen: Am Montag wird Yersins Spielfilm „Les petites fugues“ gezeigt, am Dienstag stehen Seilers letzter Dokfilm „Geysir und Goliath“ und sein früher Experimentalfilm „Im Wechsel der Gefälle“ auf dem Programm. Man erinnert des Schweizer Filmschaffens in Solothurn aber nicht nur im Moment des Todes, sondern leistet aktiv auch einen über die Festivaltage hinausreichenden Beitrag zur Pflege des helvetischen Filmerbes. Etwa mit der Lancierung von „filmo“, der ersten Online-Edition des Schweizer Films. Es ist die nicht etwa eine eigenständige Datenbank, sondern eine Edition von durch Digitalisierung fürs Streaming aufbereitete Filmklassikern, welche etablierte Schweizer Video-on-Demand-Plattforme ins Programm aufnehmen sollen; in Solothurn auf Leinwand zu sehen sind, frisch zurechtgemacht, fünf der ersten „filmo“-Filme: „Das Boot ist voll“ von Markus Imhoof, „Das Fräulein“ von Andrea Staka, „Der 10. Mai“ von Franz Schnyder, „Die letzte Chance“ von Leopold Lindtberg und Christian Freis „War Photographer“; vorgestellt wird das Projekt „filmo“ am Freitag im Kino im Uferbau.

Nicht nur im Kino im Uferbau, sondern auch im „Barock Café“ und im „Studio Landhaus“ finden während der ganzen Filmtage eine Reihe nicht nur der Branche zugängliche Talks, Foren und Diskussionsrunden statt. Spannend werden dürfte der „Film-Brunch: Pro Short“ über die Situation des Kurzfilmschaffens und der „Film-Brunch: ‚Screamwriters‘“ in dessen Zentrum Schweizer Drehbuchschaffende stehen; lohnen dürfte sich auch das „Meet the Festivals“, an dem die DirektorInnen des Max Ophüls-Festivals, des DokuFest Prizren, des Trickfilmfestivals von Annecy und eines portugiesischen Kurzfilmfestivals von ihrer Arbeit erzählen. Hier klingt an, was sich in Solothurn in gesunder Selbstverständlichkeit zeigt und wovon man sich in der Schweiz offiziell-politisch aber distanziert: Dass die Schweiz Mitten in Europa liegt und dass sie und ihr Filmschaffen Teil der grossen weiten Welt sind. So richtet Solothurn im Fokus-Programm 2019 sein Augenmerk auf das gegenwärtige Filmschaffen von Mexiko. Dies im Zeichen des 2018 in Kraft getretenen bilateralen Abkommens zur Förderung von Film-Koproduktionen zwischen den Schweiz und Mexiko; notabene dem ersten seiner Art, welches die Schweiz nicht mit einem benachbarten oder sprachverwandten Land (Belgien, Kanada) geschlossen hat. Wie genau dieses Ko-Produktion-System funktioniert und was dabei herauskommt, lässt sich am 29.1. in zwei Veranstaltung im Kino im Uferbau entdecken; sie finden sich im Programm unter dem Titel „Focus: Mexico –Switzerland: New Film Allies“.

Irene Genhart

PS: Dass Solothurn, welches in den letzten Jahren immer auch wieder die Gender-Frage aufgriff, die Gleichstellungs-Charta von SWAN (Swiss Women’s Audiovisual Network) unterzeichnet, ist eigentlich selbstverständlich. Geschehen soll dies am Mittwoch, 30.1.19, um 18.30 Uhr. Worum es in dieser Charta geht? Dass Festivals künftig Gender-Statistiken führen und ihre Auswahl- und Steuerungsgremien hälftig aus Männer und Frauen zusammengesetzt sind.

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