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Vorschau auf das 63. Filmfestival Locarno. Von Walter Gasperi

Vorschau auf das 63. Filmfestival Locarno. Von Walter Gasperi

Gestrafftes Programm und organisatorische Neuerungen kennzeichnen das erste Filmfestival von Locarno unter dem neuen künstlerischen Leiter Olivier Père. Das europäische Kino dominiert zumindest zahlenmässig Wettbewerb und Piazza-Programm und auch die Schweiz ist stark vertreten.

Überraschen wird das Festival den Besucher zunächst mit einem völlig neu gestalteten Katalog. Kleiner und handlicher als bisher wird dieser laut Presseaussendung sein und zudem in einer englisch-französischen und einer italienisch-deutschen Version angeboten werden. Dies soll eine Papierersparnis von 50% bringen und eine der Massnahmen sein, mit denen die Umweltbelastungen minimiert werden sollen.

Piazza: Vom Krimi bis zum Hugo-Koblet-Biopic

Hinsichtlich der Filmauswahl lässt sich außer einer Reduktion der Anzahl von 400 auf 300 Produktionen auf den ersten Blick kein grosser Unterschied zu Olivier Pères Vorgänger Frédéric Maire feststellen. Speziell das Piazza-Programm dominieren auch heuer weitgehend unbekannte Regisseure. Eröffnet wird mit Benoît Jacquots Krimi „Au fond des bois“, mit dem von deutschen Kritikern zum Teil hoch gelobten „Das letzte Schweigen“ von Baran bo Odar steht zumindest ein weiterer Thriller auf dem Programm der prächtigen Freiluftarena. Ansonsten darf man sich davon überraschen lassen, was Daniel Brühl im isländischen „Kóngavegur“ treibt oder was der russische Animationsfilm „Gadkij Utenok“ bringt.

Stark vertreten im Piazza-Programm ist die Schweiz. Neben Daniel von Aarburgs Biopic über den Radrennfahrer Hugo Koblet („Hugo Koblet – Pédaleur de Charme“) erlebt auch (als Abschlussfilm) Paul Rinikers „Sommervögel“ in diesem attraktiven Rahmen seine Welturaufführung.

Sperriges im Wettbewerb?

Bekanntere Namen als im Piazza-Programm finden sich fast im Wettbewerb, in dem die Schweiz Katalin Gödrös´ „Songs of Love and Hate“ und Stéphanie Chuats und Véronique Reymonds „La petite chambre“ ins Rennen um den Goldenen Leoparden schicken darf. Mit der Empfehlung mit ihren ersten und zweiten Spielfilmen renommierte Preise gewonnen zu haben, kommen Pia Marais (Tiger Award des Filmfestivals Rotterdam 2007 für ihr Debüt „Die Unerzogenen“), Isild le Besco (Hauptpreis des Linzer Crossing Europe Festivals 2005 für „Demi-Tarif“ und 2007 für „Charly“) und Benedek Fliegauf (2007 Hauptpreis in der Reihe Cinéastes du présent für „Tejút – Milky Way“) mit neuen Filmen an den Lago Maggiore. Gemeinsam ist diesen Filmemachern bislang eine radikale Filmsprache und großer Stilwillen, sodass mit „Im Alter von Ellen“ (Marais), „Bas-Fonds" (Le Besco) und „Womb“ (Fliegauf) eher „schwere Arthouse-Kost“ als „biederes Fernsehspiel“ auf einen zukommen könnte. Nicht ins Mainstream-Schema passt sicher auch Bruce LaBruces dialogloser Zombie-Film „L.A.Zombie“ und der beinahe sechsstündige chinesische Dokumentarfilm „Karamay“. Insgesamt könnte eine solche Filmauswahl auf eine stärkere Ausrichtung auf den radikalen Autorenfilm hindeuten, wodurch dann wohl auch die Grenzen zur – ursprünglich für filmsprachlich avanciertere Produktionen geschaffenen - Parallelschiene „Cineastes du présent“ noch mehr verschwimmen würde.

Wenig sagen lässt sich vorab über diese „Cinéastes du présent“, in der beispielsweise das Spielfilmdebüt von Daniel Hendler („Norberto apenas tarde“), der durch die Hauptrolle in Daniel Burmans „El abrazo partido“ bekannt wurde, oder „Prud´Hommes“ des Westschweizers Stephane Goël laufen.

Semaine de la critique und Lubitsch-Retrospektive

Nie übersehen sollte man in Locarno die „Semaine de la critique“, für die wiederum sieben außergewöhnliche Dokumentarfilme ausgewählt wurden, darunter der neue Film von Heidi Specogna, die zuletzt mit „Das kurze Leben des José Antonio Gutierrez“ beeindruckte. In „Das Schiff des Torjägers“ durchleuchtet Specogna die Welt des modernen Menschenhandels. Weitere Filme dieser Sparte unternehmen eine Weltreise auf den Spuren des Hip-Hop („The Furious Force of Rhymes“), zeichnen das Porträt eines finnischen Junkies („Reindeer Spotting – Escape from Santaland“) oder blicken auf den Alltag der Nomaden Tibets („Summer Pasture“).

Zahlreiche Überraschungen und Entdeckungen, allerdings wohl auch Enttäuschungen dürften somit auch beim heurigen Filmfestival von Locarno wieder garantiert sein. Und wer auf Nummer sicher gehen will, cineastische Glanzstücke in Serie genießen will, kann oder soll sich in die Retrospektive vertiefen, die heuer dem deutsch-amerikanischen Meister der eleganten Komödie Ernst Lubitsch gewidmet ist.
(Walter Gasperi)

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