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67. San Sebastián International Film Festival. Vorschau von Geri Krebs

67. San Sebastián International Film Festival. Vorschau von Geri Krebs

Mit dem Eröffnungsfilm „Blackbird“, einem Sterbehilfedrama von „Notting-Hill“-Regisseur Roger Michell, beginnt am kommenden Freitagabend, 20.9. die 67. Ausgabe des Filmfestivals San Sebastián, das seit vergangenem Jahr seinen Namen samt Erscheinungsbild geändert hat und nun offiziell San Sebastián International Film Festival (SSIFF) heisst. „Blackbird“ mit Susan Sarandon, Kate Winslet und Mia Wasikowska in den Hauptrollen, ist ein Remake des 2014 erschienenen dänischen Films „Silent Heart“ von Bille August. Regisseur Roger Michell wird am Eröffnungsabend in San Sebastián anwesend sein, nicht aber die drei Hauptdarstellerinnen, die sich wohl mit einer Videobotschaft begnügen werden. Das fällt aber nicht weiter ins Gewicht, denn in den folgenden acht Tagen geben sich in der Surfmetropole am Golf von Biskaya zwar kaum amerikanische Hollywoodstars, dafür aber zahlreiche Stars des internationalen Autorenkino und hochkarätige Schauspieler und Schauspielerinnen die Ehre. Zu ersteren gehören etwa Ken Loach, Hirokazu Koreeda, Darren Aronofsky oder Olivier Assayas. - und zu letzteren die beiden Latino-Superstars Gael García Bernal und Ricardo Darín oder die Briten Tim Roth und Kristen Stewart. Ein Heimspiel wird das Ehepaar Javier Bardem/Penélope Cruz erleben, wobei letztere mit einem von drei Premios Donostia geehrt wird, dem prestigeträchtigen Preis für ein Lebenswerk. Während Penélope Cruz mit ihren 45 Jahren eine der jüngsten Preisträgerinnen des Premio Donostia sein dürfte, gehen die anderen beiden Premios Donostia an zwei männliche Kinolegenden, von denen jeder fast doppelt so alt wie Cruz ist: den französisch-griechischen Regisseur Costa Gavras (86) und den britischen Schauspieler Donald Sutherland (84).

Der 17 Filme umfassende internationale Wettbewerb, dessen Jury vom irischen Regisseur Neil Jordan präsidiert wird, wartet auch in diesem Jahr wieder mit einigen bekannten Namen auf – und, wie es dem Zeitgeist entspricht, kann das SSIFF sich rühmen, mit sechs Filmen von Regisseurinnen einen weit höheren Frauenanteil zu haben als etwa das Festival von Venedig. Und im 14 Titel umfassenden Parallelwettbewerb der Nuevos Directores (Erstlinge und Zweitlinge) sind die Frauen mit acht Titeln sogar in der Mehrheit. Im internationalen Wettbewerb dürfte die bekannteste Regisseurin die Polin Małgorzata Szumowska („Elles“, „Mug“) sein, die mit „The Other Lamb“ ein Thrillerdrama um eine junge Frau in einer Sekte präsentiert. Weiter sind mit der Kanadierin Louise Arambault - die mit „Il pleuvait des oiseaux“, einer Literaturverfilmung, aufwartet - und Ina Weisse, bisher vor allem als Schauspielerin bekannt - die mit „Das Vorspiel“, ein Drama um eine Violinlehrerin (Nina Hoss), den einzigen deutschsprachigen Film vorlegt - zwei weitere bekannte Cineastinnen mit von der Partie. Trotz dieses recht hohen Frauenanteils sind aber die bekanntesten Namen im Wettbewerb dann doch die von Männern. Allen voran der spanische Meisterregisseur Alejandro Amenáber, der 2015 mit seinem bisher letzten Film „Regression“ das Festival eröffnet hatte, und der nun mit dem Bürgerkriegsdrama „Mientras dure la guerra“ sich erstmals einem historischen Stoff gewidmet hat. Alejandro Amenábars Film ist einer von drei spanischen Beiträgen im internationalen Wettbewerb, derweil das Kino Lateinamerikas, das in San Sebastián immer eine wichtige Rolle spielt, ebenfalls mit gleich drei Filmen vertreten ist – das sind mehr als in den vorangegangenen Jahren: „Mano de Obra“, einem klassenkämpferischen Opus des Mexikaners David Zonana, „Pacificado“, einem Faveladrama des Brasilianers Paxton Winters und „Vendrá la muerte y tendra tus ojos“, einer herzzerreissenden Liebesgeschichte zwischen zwei älteren Frauen des chilenischen Regisseurs José Luis Torres Leiva. Und während die Namen dieser drei Regisseure noch weitgehend unbekannt sind, geniesst dagegen der Name des einzigen US-Amerikaners im internationalen Wettbewerb Kultstatus: James Franco. Der als Schauspieler wie als Regisseur tätige Franco gewann 2017 mit der überdrehten Komödie aus der Filmwelt, „The Disaster Artist“, in San Sebastián den Hauptpreis, die Goldene Muschel, und auch in seinem neuen Film „Zeroville“, einem Genremix, der in der Welt des Hollywood der 1960er Jahre spielt, ist er erneut auch als Hauptdarsteller zu sehen.

War im vergangenen Jahr die Schweiz gleich in beiden Wettbewerben präsent, so ist dieses Jahr der einheimische Film nur in „Nuevos Directores“ vertreten. „Le milieu de l'horizon“ der Westschweizerin Delphine Lehericey (die in San Sebastián 2013 bereits ihren Erstling „Puppy Love“ präsentiert hatte) ist eine im Jahr 1976 spielende Coming-of-Age-Geschichte mit Laetitia Casta in der Rolle der Mutter der Protagonistin. Weitere viel versprechende Filme von Frauen in dieser Nachwuchssektion sind „Le rêve de Noura“ der Tunesierin Hinde Boujema, die hier die Geschichte einer Ehefrau erzählt, die sich in dem nordafrikanischen Land während der Haftstrafe ihres Ehemannes in einen anderen Mann verliebt oder die flirrend leichte Adoleszenzkomödie „La inocencia“ der jungen Spanierin Lucía Alemany, die ihre filmische Karriere einst als Regieassistentin bei Icíar Bollain begonnen hatte.

Neben diesen beiden Hauptsektionen finden in San Sebastián immer auch die Reihen „Perlas“ und „Horizontes Latinos“ besondere Beachtung. Während in ersterer Highlights der bisherigen wichtigsten Festivals des Jahres – von Sundance, Berlin, Cannes bis Venedig – zu finden sind, darunter unter anderem die neuen Filme der anfangs erwähnten Stars des Autorenkinos, ist „Horizontes Latinos“ ein in diesem Jahr 15 Titel umfassender Wettbewerb mit neuen lateinamerikanischen Filmen. Zwar sind die meisten davon bereits einmal an einem anderen grossen Festival gelaufen, doch es finden sich unter ihnen hochkarätige Namen wie den des Chilenen Patricio Guzmán, der die Reihe mit seinem neuen Film „La cordillera de los sueños“ eröffnet oder dem Guatemalteken Jayro Bustamante, der 2015 an der Berlinale mit „Ixcanul“ den Silbernen Bären gewonnnen hatte und der nun gleich mit zwei neuen Filmen vertreten ist: dem Bürgerkriegsdrama „La llorona“ sowie „Temblores“, einer Coming-out-Geschichte aus dem Milieu der in ganz Lateinamerika immer stärker werdenden Welt evangelikaler Sekten. Die Stärke des Kinos aus Lateinamerika zeigt sich in San Sebastián dieses Jahr aber nicht nur in der Gegenwart sondern auch in der Retrospektive. Diese ist Roberto Gavaldón (1909 – 1986) gewidmet, einem mexikanischen Regisseur, der völlig zu Unrecht weitgehend in Vergessenheit geraten ist.
(Geri Krebs)

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