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65. Film Festival Cannes - Zwischenbericht von Doris Senn

65. Film Festival Cannes - Zwischenbericht von Doris Senn

Halbzeit für den Wettbewerb in Cannes. Die Favoriten bisher: «Jagten» von Thomas Vinterberg über die Hetzjagd auf einen vermeintlich Pädophilen, Cristian Mungiu mit «Behind the Hills» – die epische Verfilmung eines Fait divers in Rumänien – sowie, thematisch und stilistisch nicht neu, doch nachhaltig: Ulrich Seidl und sein «Paradies: Liebe» über Frauensextourismus in Kenia.

Neapolitanische Reality-Soap und Western mit Augenzwinkern
Viele Namen im Wettbewerb sind altbekannt – und entsprechend hoch sind die Erwartungen. So etwa für Matteo Garrone, der 2008 mit seinem letzten Werk, «Gomorra», in Cannes mit dem Grossen Preis ausgezeichnet wurde. Nun präsentiert er «Reality» über einen neapolitanischen Fischhändler namens Luciano, der mit der Aussicht auf eine Teilnahme im italienischen «Big Brother» buchstäblich den Boden unter den Füssen und die Realität aus den Augen verliert. Mit einem an Fellini erinnernden märchenhaft-skurrilen Setting und karikaturhaften Volkscharakteren versucht Garrone, an die klassische «commedia all'italiana» anzuknüpfen – doch vergeblich: Der Plot lahmt, die Botschaft bleibt diffus und hilflos wie der Schluss: Luciano entkommt seinem Freund, der ihn nach Rom bringt, um ihn zur Vernunft und zum Glauben zu bekehren, und dringt unbemerkt hinter die Kulissen der Traumwelt von «Big Brother» vor, um dort in ein irres Gelächter auszubrechen – womit der Film endet.

Für Westernfans mit einem Hauch Romantik und einer Prise Splattermovie inszeniert ist «Lawless» von John Hillicoat, einer US-Produktion: Wir befinden uns im Jahr 1931, der Zeit der Prohibition, in Virginia, dem Herzen der illegalen Schnapsproduktion. Hier versuchen die drei Brüder Bondurant ihren amerikanischen Traum zu verwirklichen – gegen korrupte Beamten und einen Staat, der auf das Gesetz pocht. Die Bondurants gelten als «unzerstörbar», und das gibt viel Gelegenheit für filmreife Showdowns, die mit einem Augenzwinkern den Western und das Gangstermovie verbandeln. Mit Mia Wasikowska als schöner Tochter des Predigers.

Frauen, Alter, Sex
Ulrich Seidl ist es gewohnt zu polarisieren. «Le Monde» bezeichnete sein neustes Werk bereits als «Film, der das Festival spaltet». Dabei präsentiert Seidl das, was er seit je präsentiert: einen Film über Tabuthemen in provozierend stilisierter und unverhüllter Art. In seinem neuesten, «Paradies: Liebe» geht es dabei um ältere Österreicherinnen, die sich einen Urlaub in Kenia leisten – Sex inklusive (und insgeheim auf die grosse Liebe hoffend). Die Beachboys kennen das Spiel und versuchen ihrerseits, möglichst viel Geld dabei herauszuholen im Wissen, dies den Europäerinnen mit dem notorischen schlechten Gewissen auch abluchsen zu können.

Mit statischen Bildkompositionen und vorwiegend improvisierenden Profi-Darstellerinen zeigt Seidl einerseits das Urlaubsparadies, das aber auch als kolonialistischer Marktplatz funktioniert. Der Film fesselt und stösst gleichzeitig ab. Dabei geht es nicht einmal um die fülligen, gealterten Körper der Frauen oder die Pornoszenen – wie in vielen Medien vermutet wird –, sondern um den irritierend dokumentarischen Touch sowie um den krud inszenierten Akt der Prostitution und der Ausbeutung, der Menschen hier und anderswo zur Ware degradiert.

Haneke: Zurück im Wettbewerb
Grossen Erwartungen sieht sich auch der Österreicher Michael Haneke gegenüber, der mit seinem «Weissen Band» 2009 die Goldene Palme holte. Nun inszeniert er ein Huis clos mit französischem Staraufgebot: Jean-Louis Trintignant (Georges) und Emmanuelle Riva (Anne) spielen ein altes Paar, dessen Lebensabend eine jähe Wende nimmt, als Anne nach einem Schlaganfall zunehmend hilflos und dement wird und von ihrem Mann zu Hause gepflegt wird. Doch irgendwie will der Funke nicht springen, und der Film straft seinen Titel, «Amour», Lügen. So wirkt nicht nur die Beziehung zwischen den beiden eher höflich als liebevoll – auch der Krankheitsverlauf ist sehr sprunghaft, ebenso wie wir kaum die zunehmende Überforderung nachvollziehen können oder die Auftritte der unterkühlt agierenden Tochter Eva, die von Isabelle Huppert gespielt wird und die hie und da von London rübergespült wird. So bleibt man auf Distanz – auch wenn sich im Anschluss an den Film die brisanten Themen Alt- und Gebrechlichwerden oder auch Euthanasie im Kopf weiterdrehen.

Ein Fait divers aus Rumänien: «Beyond the Hills»
Die in «Amour» fehlende atmosphärische Dichte und Emotionalität findet man dafür bei Cristian Mungiu, dem Preisträger der Goldenen Palme von 2007 («4 Months, 3 Weeks, 2 Days»). In «Beyond the Hills» erzählt er die (auf Tatsachen basierende) Geschichte zweier junger Frauen, die eine enge Freundschaft, oder besser Liebe verbindet. Gemeinsam im Waisenhaus aufgewachsen, geht die eine, Alina, als Gastarbeiterin nach Deutschland – die andere, Voichita, in ein Kloster. Alina kehrt zurück, um ihre Freundin nach Deutschland mitzunehmen. Diese möchte im Kloster bleiben, und so bleibt auch Alina vorläufig dort. Alina aber ist aufmüpfig und «stört» den klösterlichen «Frieden», und der Pope entscheidet, sie einem Exorzismusritual zu unterziehen, bei dem Alina das Leben verliert.

In ruhigen Bildern, wenigen Bildwechseln und dank herausragender Darstellerinnen zeichnet Mungiu ein Drama von grosser Intensität, das in seiner Vielschichtigkeit nicht zuletzt Einblick in die rumänische Gesellschaft, die zwischen archaischem (Aber-)Glauben, veralteten Strukturen, Armut und Moderne gefährlich hin und her schwankt.

Dänische Wucht
Thomas Vinterberg ist kein Unbekannter: Sein «Festen» machte Furore als «Dogma-Film» und erhielt 1998 den Jury-Preis in Cannes. Nun liefert Vinterberg das bisher stärkste Werk des Wettbewerbs. Lucas (Mads Mikkelsen) arbeitet in einem Kindergarten und ist in einem Kreis eingeschweisster Kumpels gut aufgehoben – bis zu dem Tag, als ein kleines Mädchen aus dem Kindergarten, in dem Lucas arbeitet, ihn beschuldigt, ihr sein Glied gezeigt zu haben. Ungeachtet der Tatsache, dass sich der Vorwurf nicht erhärten lässt, wenden sich alle von ihm ab, ja die kleine Gemeinde – an ihrer verwundbarsten Stelle getroffen: der Sorge um den Nachwuchs – setzt zur richtiggehenden Hexenjagd an.

Ohne jeglichen formalen Schnickschnack, mit einem brillanten Mads Mikkelsen in der Hauptrolle fährt die Geschichte mit einer Wucht ein, die ihresgleichen sucht – und lässt einen auch nach dem Ende, das hier nicht verraten sei, nicht so schnell los.

Aussichten
Doch noch sind die Würfel nicht gefallen. Der Wettbewerb hat noch einige Kandidaten auf Lager, so etwa Abbas Kiarostami mit «Like Someone in Love», die Verfilmung von Kerouacs «On the Road» durch Walter Salles, «The Paperboy» von Lee Daniels («Precious»), «Holy Motors» von Leos Carax oder auch «Cosmopolis» von David Cronenberg.
(Doris Senn)

Filmfestival Cannes: www.festival-cannes.fr

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