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51. Visions du Réel: Erfolgreiche Online-Ausgabe! Von Doris Senn

51. Visions du Réel: Erfolgreiche Online-Ausgabe! Von Doris Senn

Das Dokumentarfilmfestival in Nyon hat die Herausforderung im Lockdown gemeistert – und sein Festival online durchgeführt. Samt Preisverleihung und Publikumsrekord. Ein Erfolg rundum!

In einem Kraftakt hat das Dokumentarfilmfestival Visions du Réel innert Kürze sein ganzes Programm online zugänglich gemacht: Filmprogramm, Q&As, Masterclasses, ja sogar die Preisverleihung fanden digital statt. Die Filme waren je auf 500 «Eintritte» beschränkt – und doch erreichte das Festival einen neuen Publikumsrekord mit mehr als 60'000 Zuschauer/innen (2019, in der 50. Ausgabe des Festivals, waren es 45'000). Emilie Bujès, die künstlerische Leiterin von Visions du Réel, attestierte dem Vorhaben, online zu gehen, im Nachhinein selbstironisch einen «manque de réalisme» – um gleichzeitig zufrieden auf das geglückte Wagnis zurückzublicken.

(Filmisches) Reisen in Zeiten des Lockdown

In der Tat darf man von einem grossen Erfolg sprechen: Der Zugang zu den Filmen war auf eine simple Registrierung beschränkt und funktionierte einwandfrei. Chapeau! So standen online über zwei Wochen verteilt rund 150 Titel aus fast 60 Ländern zur Auswahl – Reisen für alle, vom Sofa aus. Und erst recht wertvoll in Zeiten des Lockdown! Von den heimischen vier Wänden aus wurden denn auch Filmgespräche geführt und die Preisverleihung zelebriert – was nicht zuletzt zu einer mitunter amüsanten Vermischung von privat und öffentlich führte: Interviewer verschwanden so im Dunst ihrer E-Zigarette, ein Jury-Mitglied musste während der Laudatio kurz dem kleinen Sohn die Flasche öffnen, oder Jury und Prämierte inszenierten sich in einer DIY-Skype/Zoom/TikTok/Twitch-Performance in der eigenen Stube – mit viel Charme und selbst gebastelten Festivaltrophäen.

Vielfalt an dokumentarischen Formen

Dabei stellte das Festivalteam ein gewohnt hohes Niveau in ihrer Auswahl unter Beweis. Ein Grossteil der Filme verhilft – auch das gehört zur DNA des Festivals – dem Begriff «reality-based format» zu immer neuen Interpretationen und kreiert einen schillernden Mix aus Filmen – irgendwo zwischen Fiktion und Realitätsabbildung. Nicht selten verrät auch die Wortwahl der Filmschaffenden selbst ebendiese Verwischung der Grenzen – etwa wenn von «Casting» die Rede ist oder von «Szenen, die wiederholt bzw. nachgespielt» wurden (Michele Pennetta im Gespräch zu «Il mio corpo», einem Drama um Adoleszenz und Migration in Sizilien), wenn von «Darstellerinnen» (Francesca Mazzoleni über ihren «Punta Sacra») oder von «fiktionalisiertem Dokfilm» gesprochen wird (Valentin Merz über «Brüder»). Eine klare Trennung der Genres ist längst nicht mehr möglich – wenn sie denn überhaupt je möglich war.

Nicht selten garantiert die persönliche Vertrautheit mit den Porträtierten für die Unmittelbarkeit, ja Intimität des Drehs mit einer oft sehr kleinen Crew: Acht Jahre lang begleitete Mazzoleni die von ihr gezeigte Community in Nuova Ostia («Punta Sacra»), zwölf Jahre waren es bei Hamza Ouni für seinen «The Disqualified» – eine unbestimmte Zeitspanne des Lebens für jene, die «Familienfilme» drehten: etwa Pauline Horovitz, die in ihrem amüsanten «Papa s'en va» ihren Vater – einen angesehenen Chirurgen – nach der Pensionierung begleitet und im Gespräch findet, «dass es manchmal einfacher ist, die Familie zu filmen als mit ihr zu leben». Oder das kleine Juwel «Leur Algérie» (ausser Wettbewerb) von Lina Soualem (Tochter des Schauspielerpaars Hiam Abbass und Zinedine Soualem), welche die Trennung ihrer Grosseltern (nach 62 Jahren!) zum Anlass nimmt, um deren Beziehung und Migration aus Algerien nach Frankreich zu hinterfragen und ein Stück Familiengeschichte aufzurollen.

Zwischen Mockumentary und Surrealismus

Auch Mockumentaries fanden Eingang in die Nyon-Auswahl – etwa der bezaubernde «My Mexican Bretzel» (ausser Wettbewerb), Langfilmdebüt von Nuria Giménez, in dem die spanische Filmemacherin die bildstarken Homemovies ihrer mondänen Grosseltern mit einem fiktiven Tagebuch koppelt, dessen Hauptfigur, «Vivian Barret», ihr Leben und ihre Beziehung zu ihrem Ehemann «Léon» packend Revue passieren lässt. Poetisch und philosophisch zugleich der assoziativ erzählte «Prière pour une mitaine perdue» des kanadischen Jean-François Lesage: Ausgehend von einem Fundbüro, in dem Menschen auf das Wiederfinden der für sie so wertvollen Dingen hoffen, entspinnt Lesage in seinen durch das Schwarzweiss der Bilder eine der Zeit entrückte, atmosphärische Reflexion über das Leben, die Liebe, den Verlust, die Trauer – vor dem Hintergrund nächtlicher Schneegestöber in Montréal, wo Pistenfahrzeuge in leiser Melancholie ihre Bahnen ziehen.

Der Hauptpreis des Festivals – in der dreiköpfigen Jury sass u.a. die Filmemacherin Ursula Meier («Home») – ging schliesslich an «Punta Sacra» von Francesca Mazzoleni. Dieser handelt von einer Community in Nuova Ostia, die in prekären Verhältnissen in der Nähe des Meers lebt und mit der Gefahr, entweder von den stürmischen Wellen des Meers überrollt oder von einer launigen Regierung ohne Vorwarnung vertrieben zu werden. Dabei spielen sich hautnah familiäre Auseinandersetzungen, Coming of Age und politischer Aktivismus einer verschworenen Gemeinschaft in manchmal kleinsten Räumen ab, dass man sich wundert, wie da die Kamera überhaupt noch Platz gefunden hat, um die Intensität dieses solidarischen Zusammenlebens so einzufangen, wie Mazzoleni das getan hat. «Punta Sacra» ist übrigens ihr Erstlingsfilm, und Pasolini – der unweit vom Wohnort der Community, am Idroscalo die Ostia, tot aufgefunden wurde – lebt nicht nur in den Gesprächen der Porträtierten auf, sondern auch im Anklingen seiner Geschichten vom römischen Subproletariat.

Als gespenstisch-faszinierende Parabel auf unsere aktuelle Zeit schliesslich präsentiert sich «Pyrale» von Roxanne Gaucherand: Verknüpft werden darin die Invasion der Buchsbaumzünsler-Falter, «Pyrales» genannt, und das Narrativ um zwei junge Frauen, von denen die eine unausgesprochene Liebesgefühle für die andere hegt. Prämiert wurde dieses Debüt für seine gelungene Vision einer «fast surrealen Welt, in der Realität und Fiktion aufeinanderprallen und die Koexistenz proben», so die Laudatio. Corona lässt grüssen.
Doris Senn

Palmarès

Sesterce d'or la Mobilière (Bester Langfilm): «Punta Sacra», Francesca Mazzoleni (Italien)
   
Prix du Jury Région de Nyon (Innovativster Langfilm): «Anerca, Breath of Life», Markku Lehmuskallio, Johannes Lehmuskallio (Finnland)
Besondere Erwähnung: «The Silhouettes», Afsaneh Salari (Iran, Philippinen)
  «El Father Plays Himself», Mo Scarpelli (Venezuela, GB, Italien, USA)
   
Prix du jury interreligieux: «Off the Road», José Permar (Mexiko, USA)
   
Canton de Vaud (mittellang/kurz): «The Other One», Francisco Bermejo (Chile)
   
Prix du Jury Société des Hôteliers de la Côte: «Pyrale», Roxanne Gaucherand (Frankreich)
Besondere Erwähnung: «The Disqualified», Hamza Ouni (Tunesien, Frankreich, Katar)
   
Sesterce d'or SRG/SSR: «Sapelo», Nick Brandestini (Schweiz)
   
Prix du Jury SSA/Suissimage: «Anche stanotte le mucche danzeranno sul tetto», Aldo Gugolz (Schweiz)
Besondere Erwähnung: «Privé», Raphaël Holzer (Schweiz)
   
Sesterce d'argent (Bester Mittellangfilm): «Jungle», Louise Mootz (Frankreich)
   
Prix du Jury Clinique de Genolier (Innovativster Mittellangfilm): «An Ordinary Country», Tomasz Wolski (Polen)
Besondere Erwähnung: «Trouble Sleep», Alain Kassanda (Nigeria, Frankreich)
   
Sesterce d'argent Fondation Goblet (Bester Kurzfilm): «My Own Landscapes», Antoine Chapon (Frankreich)
Besondere Erwähnung: «Bella», Thelyia Petraki (Griechenland)
   
Prix du Jury des jeunes Mémoire Vive (Innovativster Kurzfilm): «On Hold», Laura Rantanen (Finnland)
   
Prix du public: «Mirror, Mirror on the Wall», Sascha Schöberl (Deutschland, China)