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Visions du Réel! Online! Gratis! Von Doris Senn

Visions du Réel! Online! Gratis! Von Doris Senn

Das Dokumentarfilmfestival in Nyon betritt (zwangsweise) Neuland: Ab dem 17. April stellt es sein Programm online. Kostenfrei für alle.

Ab dem 17. April sind fast alle Titel des Programms (128 Filme!) – davon fast die Hälfte von Frauen – online auf www.visionsdureel.ch zu entdecken. Ebenso Interviews mit Filmemacher/innen, Debatten und Masterclasses mit Claire Denis, Petra Costa und Peter Mettler. Auch wenn wir die lauschige Stimmung des Städtchens am Genfersee vermissen werden: Die spannende Festivalauswahl lohnt, sich den Verlockungen des Frühjahrswetters stundenweise zu entziehen, um in die Realitäten der Welt vor und nebst dem zurzeit alles beherrschenden Virus abzutauchen.

Ein Festival in Etappen: Ab 17. April bis Mitte Juni

Visions du Réel startet seine Online-Ausgabe am 17. April mit dem internationalen Wettbewerb mittellanger & Kurzfilme – darunter die Schweizer Beiträge «Brüder – ein Familienfilm» von Valentin Merz Tanören über die Beziehung zu seinem nicht sozialisierbaren Bruder oder «Zu dritt» von Benjamin Bucher und Agnese Làposi über drei Jugendliche und den «Ausnahmezustand Adoleszenz». Opening Scenes präsentiert kurze Erstlingswerke aus aller Welt – etwa «A Thousand-Year Stage» über Menschen in China «vor dem Hintergrund der immer schnelleren Urbanisierung», oder in «The Golden Buttons» über die Indoktrinierung junger Freiwilliger in Putins Nationalgarde sowie in «Wakis, chasseur d'arbres» über Wakis, den Holzfäller und Köhler in der Zentralafrikanischen Republik, der aufgrund der abgeholzten Wälder immer weiter ausschweifen muss, um seinem Broterwerb nachzugehen.

Nationaler Wettbewerb (17.– 29. April)

In der Woche vom 17. bis 29. April wird jeweils um 17 Uhr auf SRF.ch für 24 Stunden je ein Titel des Nationalen Wettbewerbs freigeschaltet: so «Suot tschêl blau» von Ivo Zen, der über ein Tabuthema im Oberengadin berichtet – über die 80er-Jahre, als zahlreiche einheimische Jugendliche den Drogen zum Opfer fielen. Oder «Sapelo» von Nick Brandestini, der von den letzten Vertreter/innen der afroamerikanischen «Saltwater Geechee» an der US-Atlantikküste erzählt – ebenso wie «Anche stanotte le mucche danzeranno sul tetto» von Aldo Gugolz, der sich der Realität einer Bergbauernfamilie in einem entlegenen Tal in der Südschweiz stellt.

Bis Mitte Juni gar sind die Filme von Claire Denis («Beau travail», «Man No Run», «White Material») online zu sehen, die als «Maître du Réel» vom Festival geehrt wird, ebenso wie diejenigen von Peter Mettler («Picture of Light», «Balifilm», «Becoming Animal»), dem das Festival eine Werkschau widmet.

Internationaler Wettbewerb (25. April – 2. Mai)

14 Titel sind im Langfilmwettbewerb zu entdecken, 13 davon als Weltpremieren – etwa Cláudia Varejãos «Amor Fati», einem poetischen Essay über Zweierkonstellationen: Zwillinge, Liebespaar, Herrchen und Hund... Wobei sich die Porträtierten nicht nur auf verstörende Weise ähnlich sehen, sondern sich ein Leben ohne einander erst gar nicht vorstellen können. Zu sehen ist auch die neue Langzeitbeobachtung von Thomas Imbach: «Nemesis». Sieben Jahre lang hat er dafür aus demselben Fenster gefilmt und die Zerstörung des alten Güterbahnhofs und des Aufbaus des neuen Zürcher Polizei- und Justizzentrums (PJZ) dokumentiert. Oder «Davos» der österreichischen Filmschaffenden Daniel Hoesl und Julia Niemann «über den Kapitalismus in unserer fragmentierten Welt und den Einfluss der Mächtigen auf die vielen». Der dritte Langfilm der britischen Regisseurin Laura Plancarte, «Non Western», erzählt die Liebesgeschichte und den Culture Clash zwischen Nanci, einer weissen Nordamerikanerin und Uni-Dozentin, und Thaddeus, einem Cheyenne und überzeugtem Vertreter von Kultur und Traditionen seines Stamms. Eine Mischung aus Western und Musical wiederum erzählt «Off the Road», das Debüt von José Permar: über eine Gelände-Rallye in Baja California, begleitet von einem Musiktrio mit «corridos» – einer Art mexikanischem Bänkelgesang.

Internationales Panorama: Burning Lights und Latitudes

Experimentellere Formen des Dokumentarfilms aus aller Welt finden sich in den vielversprechenden Sektionen Burning Lights (online vom 25. April bis 2. Mai) sowie Latitudes (vom 24. April bis 7. Mai). Etwa über das Scouting für eine Verbrecherrolle im New Yorker Queens-Viertel, «Intimate Distances», das intime Porträt der Beziehung einer Frau zu ihrem inhaftierten Mann in Buenos Aires in «Las ranas», die Ansiedlung afrikanischer Händlerinnen im chinesischen Kanton, «NA China», oder über das glückliche Wiederfinden verlorener Erinnerungsstücke in einem kanadischen Fundbüro, «Prière pour une mitaine perdue» – alle in der Wettbewerbssektion Burning Lights.

Latitudes wiederum zeigt uns in «Days of Cannibalism», wie das chinesische Wirtschaftsmodell die Kultur einer traditionellen Gesellschaft in Afrika zerstört, wie Frauen in Hongkong und China für ihre Autonomie kämpfen – «Outcry and Whisper» –, erzählt von den Hoffnungen und Enttäuschungen afrikanischer Bootsflüchtlinge in «Traverser» oder vom Leben von Palästinenser/innen in Cisjordanien, die in einer Vielzahl von Kürzestfilmen ihren von Missbrauch und Gewalt geprägten Alltag dokumentieren: «Of Land and Bread».

Die Filme sind auf Französisch und Englisch untertitelt. Alle Informationen zu Programm und Online-Daten: https://www.visionsdureel.ch/programme-2020
(Doris Senn)