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33. Festival International de Films Fribourg. Schlussbericht von Geri Krebs

33. Festival International de Films Fribourg. Schlussbericht von Geri Krebs

Das Elend der Welt und der Liebesschmerz

Zwei lateinamerikanische Filme, basierend auf düsteren Geschehnissen vergangener Jahrzehnte, waren die Abräumer in einem Wettbewerb, der thematisch eine geballte Ladung an Kriegen, Folter und Unterdrückung präsentierte – und als Kontrastprogramm dazu gab es viel Herzschmerz und Liebeswirren in der zentralen Parallelsektion.

Das Password für den Internetzugang im Festivalzentrum hiess „romantic“. Und der Festivaltrailer zeigte eine rothaarige Beauty, die sich schön macht - und einen piekfein gekleideten afrikanischen Mann, der, mit einer roten Rose in der Hand und sichtbar unruhig, auf die Herzensdame wartet. Damit und noch mehr mit dem Eröffnungsfilm „How Long Will I Love U“ des chinesischen Regisseurs Su Lun wie auch mit dem tränenreichen Abschlussfilm „Meet Me in St.Gallen“ der philippinischen Regisseurin Irene Villamor war das Terrain abgesteckt, das Genre „Romantische Komödien“ klar verortet. Und überwogen in diesen beiden Filmen Romantik und Kitsch, dominierte in anderen Beiträgen der Reihe – die unter anderem auch Klassiker des Genres wie „Breakfast at Tiffany's“ oder „Bringing Up Baby“ umfasste - Komödiantisches. So etwa in „Peace After Marriage“, einer irrwitzigen Culture-Clash-Komödie um Liebeswirren eines linkischen jungen Palästinensers in New York. Ein Zufall wollte es, dass der Film am FIFF genau in dem Moment in einem ausverkauften Saal das Publikum zu Lachstürmen hinriss, da 150 Kilometer weiter westlich, anlässlich der Verleihung der Schweizer Filmpreise der favorisierte Publikumshit „Wolkenbruch“ überraschenderweise nicht als bester Spielfilm reüssierte. Denn „Peace after Marriage“ - in welchem der Regisseur und Drehbuchautor Ghazi Albuliwi gleich auch selber die Hauptrolle spielt - weist überraschende Parrallelen zu Michael Steiners Erfolgsfilm auf, ist etwas wie eine palästinensisch-muslimische Version von „Wolkenbruch“. Auch hier ist der Protagonist ein junger, noch bei seinen religiösen Eltern lebender Mann, der noch nie Sex hatte. Und auch hier verweigert sich der Mann einer arrangierten Ehe. Der Film beginnt damit, dass der Mann seinen Bürojob wegen Pornokonsums am Arbeitsplatz verliert – ein Kündigungsgrund, den der Mann seinen Eltern wohlweislich verschweigt. Aus dieser Ausgangslage heraus entwickelt sich eine so klamaukige wie bisweilen zotige Komödie voller politischer Unkorrektheiten, die sich um den Nahostkonflikt drehen. Was in „Wolkenbruch“ die „Schickse“ war, ist hier eine Israelin, die dem Protagonisten den Kopf verdreht - und was bei Michael Steiner die hysterische Mutter war, ist hier der streng religiöse Vater, derweil die Mutter (stark: Hiam Abbas) als Stimme der Vernunft agiert.

„Peace after Marriage“ war einer der Filme, der einen starken Gegensatz bildete zur Mehrheit der Filme des 12 Titel umfassenden internationalen Wettbewerbs der Langfilme. Denn hier erlebte man auf der Leinwand gleich reihenweise Kriege, Diktaturen, Gewalt gegen Frauen oder Folter. Letzteres besonders heftig im Film, der den Publikumspreis sowie den Spezialpreis der internationalen und der ökumenischen Jury erhielt: „Compañeros – La noche de los 12 años“ des uruguayischen Regisseurs Álvaro Brechner. Basierend auf dem 1990 erschienenen Buch „Memorias del calabozo“ (dt.: „Wie Efeu an der Mauer“) von Mauricio Rosencof und Eleuterio Fernández Huidobro, in welchem die beiden Autoren, Aktivisten der Guerillabewegung „Tupamaros“, ihr von 1972 - 1985 dauerndes Martyrium in den Kerkern von Uruguays Militärdiktatur literarisch verarbeiteten, schuf Álvaro Brechner ein unter die Haut gehendes Knastepos. „Wenn wir sie nicht töten können, werden wir wenigstens dafür sorgen, dass sie verrückt werden“, lautete das Credo der Schergen. Mittels aller erdenklicher Arten von psychischer und physischer Tortur versuchten sie die Gefangenen – zu denen als dritter im Bunde Pepe Mujica gehörte, der spätere Präsident von Uruguay – zu brechen. Der Film, inhaltlich und ästhetisch ein Stück weit an Steve McQueens „Hunger“ erinnernd, schafft es, neben den Szenen von Tortur und Wahnsinn, immer wieder, auch etwas von der Kraft von Poesie und Solidarität zu vermitteln, die die drei Gefangenen, gespielt vom Spanier Antonio de la Torre (Mujica), dem Argentinier Chino Darín (Rosencof) und dem Uruguayer Alfonso Tort (Huidobro), letztendlich diese Hölle ungebrochen überleben liessen.

Inhaltlich vordergründig harmloser und ebenfalls auf einer literarischen Vorlage beruhend, die eine vergangene Epoche lateinamerikanischer Geschichte behandelt, war schliesslich der Gewinnerfilm des mit 30 000 Franken dotierten Grand Prix: „The Good Girls – Las niñas bien“ von Alejandra Márquez Abella. Die mexikanische Regisseurin, deren Vorgängerfilm „Semana santa“ 2016 am FIFF im Wettbewerb lief, erzählt in ihrem neuen Film, basierend auf dem 1985 erschienen gleichnamigen Roman ihrer Landsfrau Guadalupe Loaeza, vom Abstieg einer Bankiersgattin. Diese Hauptfigur droht im Zuge von Mexikos Bankenkrise und Währungsverfall des Jahres 1982 alles zu verlieren - wobei es in den Kreisen geldgieriger Nichtsnutze, in denen sie sich bewegt, vor allem um die Wahrung des Scheins geht. Dabei verstricken sich alle Beteiligten mehr und mehr in einem Gestrüpp von Intrigen und gegenseitigen Ressentiments. Der erzählerisch komplexe Film zeigt Dünkel und Verachtung von Mexikos Oberklasse gegenüber sich selber und noch mehr gegen alle, die nicht zu ihnen gehören, mit ätzendem Spott – und er überzeugte mit seiner äusserst sorgfältigen Ausstattung. Regisseurin Alejandra Márquez Abella war in Fribourg allerdings ebensowenig anwesend wie die Gewinnerin eines anderen Preises, jenem der Jugendjury. Die in den USA lebende Vietnamesin Ash Mayfair erhielt den Preis für ihr Kostümdrama „The Third Wife“, in welchem sich ein vierzehnjähriges Mädchen am Ende des 19.Jahrhunderts vergeblich gegen seine Verheiratung als dritte Ehefrau eines reichen Grundbesitzers zu wehren versucht.

Nur ein Schatten oder fernes Echo von Gewalt, Frauenunterdrückung und Diktatur lag schliesslich über dem Gewinner des Kritikerpreises, dem Dokumentarfilm „Dreamaway“ des deutsch-ägyptischen Regieduos Johanna Domke/Marouan Omara. Die beiden zeigen in ihrer Langzeitbeobachtung einer Handvoll Angestellter in Ägyptens wichtigstem Tourismusressort Sharm El Sheikh, was gescheiterte Revolution und islamistischer Terror bewirkt haben. Gähnend leere Hotelanlagen, in denen ein Leben aufrechterhalten wird, das wie eine surreale, aber liberale Parallelgesellschaft zu den strikten Regeln wirkt, unter denen junge Menschen in Ägypten zu leiden haben. Mit ebenso viel Einfühlungsvermögen für die Situation von Leuten, die zwischen zwei Realitäten hin und hergerissen sind, wie mit feiner Ironie nähert sich dieser Film, der seine Weltpremiere 2018 am Filmfestival von Karlovy Vary erlebt hatte, seinen Protagonistinnen und Protagonisten an und lässt dabei immer wieder Grenzen von Dokumentation und Fiktion verschwimmen.
(Geri Krebs)

Preise

  LANGFILME
GRAND PRIX Las Niñas Bien - The Good Girls
Alejandra Márquez Abella
Mexiko, 2018
SONDERPREIS DER JURY Compañeros – La noche de 12 años
Álvaro Brechner
Uruguay, Spanien, Argentinien, Frankreich, Deutschland, 2018
PUBLIKUMSPREIS Compañeros – La noche de 12 años
Álvaro Brechner
Uruguay, Spanien, Argentinien, Frankreich, Deutschland, 2018
PREIS DER ÖKUMENISCHEN JURY Compañeros – La noche de 12 años
Álvaro Brechner
Uruguay, Spanien, Argentinien, Frankreich, Deutschland, 2018
LOBENDE ERWÄHNUNG Volcano
Roman Banarchuk
Ukraine, Deutschland, Monaco 2018
CRITICS‘ CHOICE AWARD Dreamaway
Marouan Omara, Johanna Domke
Aegypten, Deutschland, 2018
PREIS DER JUGENDJURY COMUNDO The Third Wife
Ash Mayfair
Vietnam, 2018
  KURZFILME
BESTER INTERNATIONALE KURZFILM And What Is the Summer Saying
Payal Kapadia
Indien, 2018
PREIS DES NETZWERK CINEMA CH Kado
Aditya Ahmad
Indonesien, 2018
PREIS AUSLANDSVISUM Come un’eco
Anna Spacio
Schweiz, 2018
LOBENDE ERWÄHNUNG Bashkimi United
Lasse Linder
Schweiz, 2018

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