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Mit Zuversicht und 34 Filmen aus den USA ins 19. Jahr des Zurich Film Festival


Mit Zuversicht und 34 Filmen aus den USA ins 19. Jahr des Zurich Film Festival

Von Irene Genhart

Elf Tage. 148 Filme aus über 50 Ländern. Darunter – trotz des seit Juli andauernden Streiks der US-Schauspieler und -Drehbuchautoren – 34 aus den USA. Von den gezeigten Filmen sind 52 Erstlingswerke und 51 Filme werden in Welt- oder zumindest Europapremiere gezeigt: In Zahlen gemessen präsentiert sich das 19. Zurich Film Festival (ZFF) glänzend.

Dessen künstlerischer Leiter, Christian Jungen, und Jennifer Somm, die als Managing Director der Spoundation Motion Picture AG Jungen zur Seite steht, zeigten sich bei der Programmvorstellung für die Presse denn auch entsprechend entspannt.

Die Veranstaltung fand, anders als in den vergangenen Jahren, nicht in einem schicken Edelhotel irgendwo in der Stadt Zürich statt, sondern im grossen Saal des ehemaligen Kinos Kosmos. Das Kino heisst neu „Frame“ und wird am Vorabend des 19. Zurich Film Festival seine Eröffnung feiern. Es wird von der Spoundation Motion Picture AG betrieben und wird, ab 12. Oktober als reguläres Kino programmiert, dafür sorgen, dass das Zurich Film Festival künftig das ganze Jahr hindurch nicht nur virtuell, sondern auch vor Ort präsent ist.

Gleichzeitig mit dem Frame eröffnet das im gleichen Gebäude sich befindende Restaurant. Es wird ab dem 28.9. in Zwischennutzung von Sam Khouris betrieben, trägt dessen Namen und verspricht, die Gäste in familiärer Ambiente mit Middle-Eastern-Küche zu verwöhnen.

Das eigentliche ZFF-Festivalzentrum aber befindet sich auch 2023 auf dem Sechseläutenplatz. Es gibt da verschiedene Fan-Zonen, Food-Trucks und Ticket-Schalter, sowie Stühle und Tischchen zum Verweilen. Und mit etwas Glück erhascht man im oder rund ums Festivalzentrum mehr als nur einen kurzen Blick auf einen über den ausgerollten grünen Teppich schreitenden Promi oder Star.

Die 34 Filme aus den USA verkündete Christian Jungen an der Pressekonferenz sichtlich mit Stolz. Er erläuterte dabei aber auch, dass der Streik der amerikanischen Schauspieler und Drehbuchautoren die bereits fortgeschrittene Programmierung des ZFFs ausgebremst hat. Dass es – weil den Streikenden während des Streiks nicht nur die Kerntätigkeit, sondern auch PR-Touren etc. untersagt sind, – ihn und das ZFF-Programm-Team viel Zeit und endlose Verhandlungen gekostet hat, die Filme, deren Verträge vor dem Streik bereits abgeschlossen worden waren, trotzdem im Programm zu halten.

Mitgeholfen haben dürfte bei diesen Verhandlungen zum einen, dass das ZFF seit seiner Gründung engen Kontakt zu der US-Filmbranche pflegt. Ein weiterer Grund dürfte sein, dass das ZFF, das in Gala Premieren jeweils die Highlights des kommenden Kinohalbjahres vorstellt, sozusagen als europäisches Schaufenster für die nächste Oscarverleihung funktioniert. Obwohl Jungen dem Streik der US-Filmschaffenden in Form einer extra anberaumten Veranstaltung kein grösseres Augenmerk widmen will, zeigt er sich an der Pressekonferenz überzeugt, dass dieser Streik am diesjährigen ZFF ein wichtiges Thema sein wird.

Tatsächlich dürften dieses Jahr weniger Filmschaffende aus den USA ihre Filme nach Zürich begleiten. Umso bemerkenswerter ist, dass sowohl Jessica Chastain wie Todd Haynes ihr Kommen zugesagt haben. Jessica Chastain wird am 2. Oktober in Zürich mit dem „Goldenen Icon Award“ für ihre schauspielerischen Leistungen geehrt, Todd Haynes am 3. Oktober den „A Tribute to… Award“ für sein filmisches Schaffen in Empfang nehmen. Haynes wird in Zürich seinen neuen Film „May December“ vorstellen und Chastain zusammen mit Regisseur Michael Franco und Co-Schauspieler Peter Sarsgaard das Liebesdrama „Memory“ vorstellen, in dem sie eine einfache Sozialarbeiterin aus New York spielt.

Ebenfalls nach Zürich reisen wird Ethan Hawke. Er wird am ZFF seinen neuen Film „Wildcat“ vorstellen, ein Biopic über die amerikanische Schriftstellerin Flannery O’Connor. Und er wird an einem moderierten Gespräch – einem sogenannten „ZFF Masters“ – teilnehmen und dabei Einblicke in sein Schaffen geben. Weitere „ZFF Masters“ sind geplant mit der deutschen Drehbuchautorin und Regisseurin Margarethe von Trotta, der Schauspielerin Diane Kruger und dem Schweizer Filmregisseur Michael Steiner.

Von Trotta wird abgesehen davon am ZFF in Gala Premiere „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“ vorstellen, einen Film über die komplexe Beziehung der deutschen Schriftstellerin mit dem Schweizer Max Frisch. Diane Kruger wird einen „Golden Eye Award“ für ihre schauspielerische Leistung erhalten und in Yann Gozlans erotischem Psychothriller „Visions“ zu sehen sein. Und Michael Steiners im Langstrassenquartier spielender Neo-Noir-Thriller „Early Bird“ wird anlässlich der Eröffnung des „Frame“ am Vorabend des Festivals gezeigt – und dem breiten Publikum in Gala Premiere am 30.9. im Kongresshaus und in Wiederholung im Frame am 5.10. vorgeführt.

Ein Blick auf das Programm des 19. ZFF verspricht elf Tage voller Abwechslung. Stark vertreten sind darin nebst den USA mit 34 Filmen Frankreich mit 31 und Grossbritannien mit 13 Filmen. Mit je 18 Werken sind sowohl Deutschland und auch die Schweiz am ZFF gut vertreten. Letzteres verwundert wenig, ist ein Teil des Wettbewerbs doch exklusiv dem Filmschaffen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz vorbehalten.

Für die Schweiz ins Rennen ums Goldene Auge steigen 2023 Elene Naveriani mit dem Liebesfilm „Blackbird Blackbird Blackberry“, Maxime Rappaz mit dem Drama „Laissez-Moi“, und Tamar Ruggli mit dem Road Movie „Retour en Alexandrie“. Jackie Brutsche, Michele Pennetta und Piet Baumgartner gehen mit den Dokumentarfilmen „Las Torreras“, „Lonely“ und „The Driven Ones“ an den Start.

Der in drei Kategorien gegliederte Wettbewerb bildet das Herzstück des Zurich Film Festivals. Das Wettbewerbsprogramm umfasst insgesamt 42 Filme. Es ist grundsätzlich dem jungen und neuen Filmschaffen verschrieben und zeigt ausschliesslich erste, zweite und dritte Regiearbeiten. Das bedeutet, dass man sich im Programm immer wieder mit (noch) unbekannten Namen konfrontiert sieht und sich bei der Zusammenstellung des persönlichen Programms auf Inhaltsangabe und allenfalls bekannte Darsteller, die in einem Film mitspielen, stützen muss.

Als nützliche Hinweise entpuppen sich dabei die im Programmhaft bei den Wettbewerbsfilmen zu findenden kurzen Einschätzungen von Mitgliedern des ZFF-Programm-Teams. Sie sind im Tonfall zum Teil persönlich sehr gehalten und lassen zum Teil erahnen, wieso ein Film ins Programm aufgenommen wurde. Abgesehen davon stehen sie für das, was unter Christian Jungen noch mehr als bereits unter seinen Vorgängern, so etwas wie das Credo des Zruch Film Festivals ist: Dass Filme nur auf der Kinoleinwand ihre wahre Kraft (und Magie) entfallten. Dass Kinoprogramme sorgfältig kuratiert sein müssen. Und dass Kino- und Filmkultur der Vermittlung bedarf.

Die Hauptattraktion des ZFF dürften auch 2023 die bereits erwähnten Gala Premieren und Special Screenings sein. Zu den am meisten erwarteten Titel gehören Filme wie Yorgos Lanthimos Frankenstein-Adaption „Poor Things“, die den Goldenen Löwen von Venedig gewann und Craig Gillepsies irrwitzige Komödie „Dumb Money“, die zeigt, wie sich mit Social Media die Börse beeinflussen lässt. Aber auch „Perfect Days“ von Wim Wenders und seine fast zeitgleich entstandene, vor allem durch die exquisite Verwendung von 3D überzeugende Dokumentation über den Künstler Anselm Kiefer schaut man mit Spannung entgegen. Nicht zu vergessen natürlich Roman Polanskis in Gstaad spielende Komödie „The Palace“, Cédric Kahns „Le Procès Goldman“, Katharina Mücksteins vielbesprochener „Feminismius WTF“ und Sofia Coppolas „Priscilla“.

Angereichert wird das ZFF-Programm auch dieses Jahr mit diversen Nebensektionen. Daraus hervor sticht dabei vor allem das Hashtag-Programm „#Masculinity“: Auf dem Hintergrund des angeheizten Gender-Diskurses einen Programm zusammenzustellen, das die Rolle des Mannes und die Darstellung der Männlichkeit im Film im Spagat zwischen klassischem Rollenbild und neuen Entwürfen abtastet, zeugt nicht nur von kuratorischem Weitblick sondern auch von Courage.

Das Programm „Neue Welt Sicht“, das den Fokus jeweils auf ein Land rückt, das aktuell einen cineastischen Aufbruch erlebt, ist 2023 Südkorea gewidmet. In der Sektion „Border Lines“ werden sieben Dokumentar- und Spielfilme vorgestellt, die sich mit Menschenrechtsthemen auseinandersetzen. Das „ZFF für Kinder“ verspricht mit Titeln wie „Die unlangweiligste Schule der Welt“ (Ekrem Ergün), „Das fliegende Klassenzimmer“ (Caroline Helsgard) und „Sowas von super!“ (Rasmus A. Sivertsen) spannende und lustige Unterhaltung für die ganze Familie. Für Kinder finden im Rahmen des ZFF auch dieses Jahr diverse Workshops statt, die sie die Filmkunst aus nächster Nähe erleben lassen.

Das alles verspricht zusammen mit den über 100 Filmschaffenden, die ihr Kommen angekündigt haben, elf spannende und anregende Kinotage, in denen auch das Reden und Diskutieren über Filme garantiert nicht zu kurz kommt. Wer das Kino am ZFF wirklich gross erleben will, dem sei wärmstens empfohlen, zumindest eine Vorführung im während der Dauer des Festivals zum Kino umgebauten Kongresshaus zu besuchen. Der Saal bietet über 1500 Zuschauern Platz und die extra eingebaute Leinwand ist um die 16 Meter breit riesig. Und nach der Vorstellung eröffnet sich beim Gang über die Treppe geradezu traumhaft der Blick über den Zürichsee aufs Panorama der Alpen.

Das 19. Zurich Film Festival findet vom 28.9.-8.10.2023 statt. Die Preisverleihung der drei Wettbewerbssektionen findet an der Award Night am 7. Oktober 2023 im Opernhaus Zürich statt. Ebenfalls vergeben wird an der Award Night der ZFF Publikumspreis.

Infos & Programm: https://zff.com/de/home/

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