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Tomboy

FR 2011, 82 Min., F/d, Regie: Céline Sciamma, mit Zoé Héran, Malonn Levana, Jeanne Disson

Tomboy

Rezension von Irene Genhart

„Tomboy“ schildert einfühlsam, wie ein zehnjähriges Mädchen nach seiner (auch sexuellen) Identität tastet. Hervorragend meistert Zoé Héran ihren ersten grossen Kinoauftritt. Dem Film vorhalten könnte man höchstens die etwas weltfremde Darstellung der Eltern.

Ein „Tomboy“, eben ein „Knabenmädchen“ ist die Protagonistin Von Céline Sciammas Film gleichen Namens. Doch irgendwie ist die Anwendung dieser doch stark definierenden Bezeichnung schon fast verwegen. Denn Laure – bezaubernd nüchtern: Zoé Héran – ist gerade mal zehn Jahre alt und eigentlich und vor allen Dingen noch ein Kind. Ein Kind – genauer: ein Mädchen, zartgebaut, schlank, aufgeweckt, klug und sportlich – das spielt. Das im Spiel Rollen ausprobiert. Sich dabei an verschiedene mögliche – auch sexuelle – Identitäten herantastet, und dabei, weil sich die Gelegenheit günstig anbietet, einen Schritt weiter geht, als man dies von einem Kind ihres Alters erwartet.

Zu Beginn der grossen Ferien zieht Laure mit ihrer Schwester Jeanne, ihrem Vater und der mit dem dritten Kind hochschwangeren Mutter in ein kinderfreundliches Vorort-Quartier von Paris. Alles ist neu, die Aufregung und Freude am neuen eigenen Zimmer gross, und das zu Hause Spielen mit der vier Jahre jüngeren Jeanne bald schon langweilig. Lieber nämlich spielt Laure im Freien. Bald schon macht sie im Hof die Bekanntschaft der Kinder aus der Nachbarschaft. Und da erzählt sie dann, aus einer Laune heraus hat man das Gefühl, sie heisse Mikaël. Was die Kinder sofort glauben, schliesslich hat Laure mit ihrem rattenkurz geschnittenen Haar, in ihren übergrossen T-Shirts und den kurzen Hosen, durchaus etwas Bubenhaftes an sich, zudem spielt sie liebend gerne Fussball und Fangen. Fortan ist Laure zu Hause also ein Mädchen, beim Spielen im Freien ein Knabe; und das geht wider Erwarten lange gut. Dies auch dann noch, als sie ihre neue Freundin Lisa küsst, ihren Mädchenbadeanzug mit einer Schere auf Bubenbadehose trimmt und so zum Schwimmern in den Baggersee mitgeht, und sie sich gezwungen sieht, ihre kleine Schwester in ihr Geheimnis einzuweihen.

Von der kurzen Phase, in der Menschen – noch bevor sie in die Pubertät geraten – unbeschwert und unschuldig Geschlechterrollen ausprobieren, erzählt Céline Sciamma in „Tomboy“ also. Die französische Jungregisseurin setzt damit die in ihrem 2007 erschienen Erstling „Water Lilies – Der Liebe auf der Spur“ begonnene Auseinandersetzung mit des Menschen Suche nach seiner (sexuellen) Identität fort. Sie tut es im Ungefähren schwebend und zärtlich. Lässt sich voll und ganz auf ihre junge Protagonistin und deren gesunde Neugier ein. Schildert einfühlsam beobachtend deren Erfolge aber auch ihr stillen Nöte, wie etwa das Nicht-Reden-Können mit den Eltern und die Auseinandersetzung mit ihrem Körper. Und sie lässt ihrer Protagonistin zum Schluss für ihre weitere Entwicklung jede Möglichkeit offen. Das macht „Tomboy“, der sich wohltuend leichtfüssig ins weite Feld zwischen René Clements „Jeux interdits“ (1952), Alain Berliners „Mein Leben in Rosarot“ (1997) und Lucía Puenzos „XXY“ (2007) einschreibt, mehr als bloss sehenswert. Dies obwohl man der Regisseurin dann doch vorhalten muss, dass sie, da ihr Film ja doch kein Märchen erzählt, sondern recht lebensnah wirkt, die soziale Realität etwas zu stark ausblendet: Eine auch nur einigermassen „normale“ Mutter liesse, selbst wenn sie hochschwanger ist, ihr zehnjähriges Kind nie und nimmer so völlig unbegleitet und unkontrolliert in einer ihm vollkommen neuer Umgebung im Freien spielen, wie dies hier geschieht.

Kritiken

National International
- Simon Eberhard für outnow.ch - Daniel Erk für zeit.de
  - Nils Fortmann für negativ-film.de
  - Jordan Mintzer für hollywoodreporter.com
   
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www.facebook.com/tomboy.movie Agora

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