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Vorschau auf die Solothurner Filmtage, 23.–30.1.2014

Vorschau auf die Solothurner Filmtage, 23.–30.1.2014

Von Doris Senn

Die 49. Solothurner Filmtage eröffnen mit dem Historienfilm «Akte Grüninger – Die Geschichte eines Grenzgängers» von Alain Gsponer. Viele Newcomer im Programm-Line-up.

Paul Grüninger – der «schweizerische Oscar Schindler» – zur Eröffnung
Die 49. Solothurner Filmtage, die zum zweiten Mal unter der Leitung von Seraina Rohrer stattfinden, eröffnen mit dem Historienfilm «Akte Grüninger – Die Geschichte eines Grenzgängers». Im Zentrum des akkurat recherchierten Films steht der St. Galler Polizeikommandant Paul Grüninger (Stefan Kurt), der aus purer Menschlichkeit während des Zweiten Weltkriegs sein Amt nutzte, um Hunderte bis Tausende jüdischer Flüchtlinge ohne Visum in die Schweiz zu schleusen – und dies trotz wiederholter Verwarnungen von oben. Die Sache flog auf, und er wurde ohne Rente vom Dienst suspendiert.
Erst 1995 wurde der international gewürdigte Grüninger auch in der Schweiz postum rehabilitiert. Dem revidierenden Urteil voraus ging das Buch «Grüningers Fall» von Stefan Keller, gefolgt vom gleichnamigen Dokfilm von Richard Dindo. Nun hat sich das Schweizer Fernsehen den Stoff gepackt und in Koproduktion mit C-Films das historische Ereignis durch den 38-jährigen Schweizer Regisseur Alain Gsponer aufarbeiten lassen. Das geschmeidig erzählte und gespielte Reenactment, das mit Einschüben von Archivmaterial aus der Zeit des deutschen Nationalsozialismus angereichert wurde, beleuchtet das Thema Flüchtlingspolitik in einem Moment brisanter schweizerischer Abstimmungen. Zudem ist der Film Ausgangspunkt für eine Podiumsdiskussion mit Gsponer, Keller und Dindo zum Thema «Geschichte erzählen».

179 Filme – 2 Wettbewerbe – 1 Jury
Ausgewählt wurden dieses Jahr aus 291 Kurzfilmen und Musikclips 105 Titel und aus 622 Langfilmen 74 Titel. Preise verleihen die Filmtage zwei: Zum einen den mit 60 000 Franken dotierten Prix de Soleure, der einen Film für seinen ausgeprägten Humanismus auszeichnet. Sechs Filme wetteifern darum ¬– darunter die «Akte Grüninger», «Millions Can Walk» von Christoph Schaub und Kamal Musale über einen Marsch der Ärmsten in Indien im Kampf um soziale Gerechtigkeit oder Christoph Kühns «Alfonsina» – über die im Tessin geborene argentinische Dichterin und Sängerin Alfonsina Storni (1892–1938), die als Wegbereiterin der lateinamerikanischen feministischen Literatur gilt. Sein Spielfilmdebüt gibt Jo-Siffert-Regisseur Men Lareida, der mit «Viktoria – A Tale of Grace and Greed» den Weg einer Ungarin in die Prostitution in Zürich nachzeichnet.
Für die Jurierung lud man eine illustere Jury an die Aarestadt: die belgische Filmemacherin Chantal Akerman, den Autor Lukas Bärfuss, die Drehbuchautorin Güzin Kar sowie den Genfer Politiker Jean Ziegler. Für den mit 20 000 Franken dotierten «Prix du Public», über den das Publikum entscheidet, wurden elf Filme nominiert, darunter «Der Goalie bin ig» von Sabine Boss nach dem berndeutschen Roman von Pedro Lenz, «Tino – Frozen Angel» von Adrian Winkler über den ersten Präsidenten der Schweizer Hells Angels oder der Debütfilm von Ivana Lalovic, «Sitting Next to Zoe», über zwei beste Freundinnen an der Schwelle zum Erwachsenwerden.

Viele Newcomer – viele Debütfilme
13 Spiel- und 18 Dokumentarfilme feiern in Solothurn ihre Welt- oder Schweizer Premiere. Dabei liest man auffällig viele neue Namen – und die meisten davon präsentieren ihr Langfilmdebüt. So unter den Spielfilmen etwa Cyril Bron und Joseph Incardona, die mit «Milky Way» ein Roadmovie präsentieren, das in La Chaux-de-Fonds seinen Ausgang nimmt. Oder «Schwarzer Panther» von Samuel Perriard, der seinen Diplomfilm an der Berliner DFFB dem brisanten Thema einer Geschwisterliebe widmet. Und auch Dominik Locher, der Theater an der ZHdK und nun Film in Los Angeles studiert, zeigt seinen allerersten langen Film: «Tempo Girl» – ein Drama um eine Möchtegern-Schriftstellerin zwischen Berlin und den Schweizer Alpen.
Ebenso gibt es unter den Dokfilmen auffällig viele Newcomer: so etwa der ECAL-Absolvent Kaveh Bakhtiari, der mit «L’escale» von einer Wohnung in Athen erzählt, die zur temporären Absteige von Migranten wurde, oder «Mon père, la révolution et moi» der türkischstämmigen Ufuk Emiroglu, die an der Genfer HEAD studierte und eine filmische Reise durch die Türkei zwischen Familie und Politik in einem Genremix von Spiel-, Dok- und Animationsfilm präsentiert (beide Filme sind für den «Prix de Soleure» nominiert). «Ueli Maurers Pommes Frites-Automat» von Stephan Hills erzählt von einem Schweizer Kartoffelbauer und seinem Lebenstraum, der perfekten Pommes-frites-Maschine, der ihn bis nach Dubai bringt, während die aus Kiew stammende Multimediakünstlerin Marina Belobrovaya mit einer Gruppe Schweizer Politiker und Journalisten 25 Jahre nach dem GAU ins Sperrgebiet von Tschernobyl fuhr, ihre Eindrücke auf dem iPhone festhielt und daraus den Film «Warm Glow» realisierte.

Peter Liechti – gefeierter Altmeister
Im Zentrum der Programmsektion «Rencontres» – in deren Rahmen die Filmtage jeweils einem verdienten Filmemacher Hommage erweisen – wird Peter Liechti geehrt. Seit der Weltpremiere seines «Die Liebe meiner Eltern», vor knapp einem Jahr an der Berlinale häufen sich die Preise und Auszeichnungen für ebendieses sein jüngstes Werk. Wobei die am letzten Abend der Filmtage stattfindende «Nacht der Nominationen», in der die Nominierungen für die Schweizer Filmpreise bekannt gegeben werden, wohl kaum um das eindrückliche Œuvre herumkommen wird.
Die Filmtage zeigen eine Integrale von Liechtis Werk – von «Signers Koffer» (über den Sprengkünstler Roman Signer) über «Namibia Crossings», in dem Liechti eine Gruppe Musiker durch Namibia begleitete, bis hin zu «The Sound of Insects», der mit dem Europäischen Dokumentarfilmpreis 2009 ausgezeichnet wurde. Ein Konzert seiner 2006 in «Hardcore Chambermusic» porträtierten Band Koch-Schütz-Studer und ein Gespräch mit dem kanadisch-schweizerischen Regisseur Peter Mettler zum nonfiktionalen Film («Liechti meets Mettler») runden die Hommage an den aus St. Gallen stammenden und in Zürich lebenden Filmautor ab.

Alle Informationen zum Programm unter www.solothurnerfilmtage.ch. Tickets können im Vorverkauf unter www.starticket.ch gekauft werden.