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Vorschau auf das 65. Filmfestival Locarno. Von Walter Gasperi

Vorschau auf das 65. Filmfestival Locarno. Von Walter Gasperi

Starke Schweizer Präsenz, zahlreiche Hommagen und Preise für Stars und ein Mix aus bekannten und noch zu entdeckenden Regisseuren in Wettbewerb und Piazza-Programm kennzeichnen das Programm des 65. Filmfestivals von Locarno

US-Blockbuster wie letztes Jahr „Super 8“ oder „Cowboys and Aliens“ sucht man heuer vergeblich im Piazza-Programm. Olivier Père setzt im dritten Jahr seiner künstlerischen Leitung verstärkt auf Arthouse-Kino, das gleichwohl noch ein grosses Publikum anlocken kann. An wirklich grossen Namen findet sich im Piazza-Programm nur Steven Soderbergh, dessen Stripperfilm „Magic Mike" gezeigt wird.

Mit Quentin Dupieux und Jonathan Dayton/Valerie Faris bringt das Festival dafür ein Wiedersehen mit Regisseuren, die in Locarno in den letzten Jahren mit „Rubber“ (Dupieux) bzw. „Little Miss Sunshine“ (Dayton/Faris) Erfolge gefeiert haben. Dupieux bringt „Wrong“ an den Lago Maggiore, Dayton/Faris die Komödie „Ruby Sparks“. Gespannt sein darf man auch auf „Lore“, den ersten Film der Australierin Cate Shortland seit ihrem vielgelobten Debüt „Somersault“ oder die Weltpremiere von Stéphane Brizés („Mademoiselle Chambon“, Je ne suis pas lá pour être áime“) „Quelques heures de printemps“.

Stark vertreten ist wie gewohnt die Schweiz. Auf der Piazza wird nicht nur „Nachtlärm“, Christoph Schaubs neue Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Martin Suter, sondern auch Michael Steiners Gruselkomödie „Das Missen Massaker“ und – zum Abschluss des Festivals - Markus Imhoofs Dokumentarfilm „More than Honey“, in der der Welt der Bienen und ihrem Sterben nachgespürt wird, ihre Weltpremiere feiern.

Starauflauf mit Hommagen und Ehrenpreisen
Sichtbar macht dieses Piazza-Programm auch, dass man die Weltpremieren von Starregisseuren wie Terrence Malick, Tom Tykwer oder Robert Redford nicht an den Lago Maggiore locken kann. Die ziehen die medienwirksameren Gross-Festivals von Venedig und Toronto vor. Die Präsenz von Stars, die dem grössten Schweizer Filmfestival damit fehlen könnte, versucht man deshalb neben der Vergabe von Ehrenpreisen heuer auch noch durch zahlreiche Hommage zu erreichen.

Charlotte Rampling und Gael García Bernal werden mit einem Excellence Award ausgezeichnet, Leos Carax erhält ebenso einen Ehrenleoparden wie Johnny To, ein Life-Achievement-Award wird an Alain Delon vergeben, mit Hommagen werden neben anderen Naomi Kawase, Krzysztof Zanussi und Ornella Muti geehrt. – So gross wie selten zuvor wird damit wohl der Starauflauf sein, der zu einem grossen Festival dazu gehört.

13 Weltpremieren im Wettbewerb
Weitgehend ohne Stars kommt dagegen der Internationale Wettbewerb um den Goldenen Leoparden aus. 13 der 19 Filme werden als Weltpremiere vorgestellt. Auch in dieser Sparte ist die Schweiz mit Dokumentarfilmen von Simon Baumann und Andreas Pfiffner („Image Problem“) und Peter Mettler („The End of Time“) stark vertreten. Auffallend ist, dass gleich drei Dokumentarfilme in den Wettbewerb aufgenommen wurden, geographische Schwerpunkte lassen sich dagegen kaum feststellen. Zu den bekannteren Namen in dieser Konkurrenz zählen der Brite Peter Strickland, der vor einigen Jahren in Berlin mit seinem archaischen Drama „Katalin Varga“ auffiel und nun „Berberian Sound Studio“ zeigt, der Amerikaner Bradley Rust Gray, der seinem Debút „The Exploding Girl“ „Jack and Diane“ folgen lässt, sowie die Österreicher Tizza Covi und Rainer Frimmel, die nach dem an den Neorealismus anknüpfenden „La Pivellina“ mit „Der Glanz des Tages“ einen neuen Film vorlegen.

Gut für Entdeckungen ist auch der Parallelwettbewerb „Cinéastes du Présent“, in dem 15 erste oder zweite Filme gezeigt werden.

Semaine de la critique und Preminger-Retrospektive
Aufregende Dokumentarfilme verspricht wieder die „Semaine de la critique“. Nachdem der Österreicher Fritz Ofner in diesem Rahmen schon letztes Jahr „Evolution der Gewalt“ zeigen durfte, wurde er heuer mit „Free Libya“ eingeladen. Wie vielfältige Eindrücke die sieben ausgewählten Filme vermitteln werden, zeigen drei Beispiele: Stefan Haupt setzt sich in „Sagrada – el misteri de la creació“ mit dem Bau der Sagrada Familia in Barcelona und dem schöpferischen Prozess an sich auseinander, David Sieveking beschreibt in „Vergiss mein nicht“ die Pflege seiner dementen Mutter und Marc Wiese erzählt in „Camp 14 – Total Control Zone“ von Häftlingen eines nordkoreanischen Todeslagers.

Das Filmfestival Locarno ist aber auch ein Schaufenster des Schweizer Films. Mit 14 Filmen, die teilweise schon in den Kinos liefen, wird ein kleiner Überblick über das aktuelle Filmschaffen der Eidgenossenschaft geboten. Die Sektion Open Doors wiederum öffnet den Blick für die Welt. Jedes Jahr wird dabei eine Region des Südens oder Ostens in den Mittelpunkt gestellt. Heuer widmet man sich den frankophonen Ländern südlich der Sahara. Neben Koproduktions-Workshops wird dabei auch eine repräsentative Filmauswahl dieser Region gezeigt.

Wer freilich auf Nummer sicher gehen und filmische Meisterwerke in Serie geniessen will, kann sich in die Retrospektive vertiefen, die heuer Otto Preminger gewidmet ist: Vom klassischen Film Noir „Laura“ bis zum Gerichtsdrama „Anatomy of a Murder“, vom Western „River of No Return“ bis zum Drogendrama „The Man with the Golden Arm“ spannt sich hier die Palette der Filmperlen, die man entdecken oder neu sehen kann.
(Walter Gasperi)