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Überraschungen beim Festival Visions du réel Nyon – Eine Vorschau von Geri Krebs

Überraschungen beim Festival Visions du réel Nyon – Eine Vorschau von Geri Krebs

Am Donnerstagabend, 15. April öffnet in Nyon das Filmfestival Visions du réel seine Tore. Zur Einstimmung wird „Kinshasa Symphony“, nach dem letztjährigen „El Sistema“, erneut ein stimmiger musikalischer Dokumentarfilm, gezeigt. Die beiden Deutschen Claus Wischmann und Martin Baer haben eine Aufführung von Beethovens Neunter Symphonie in der Hauptstadt des Kongo durch das nationale „Orchestre Symphonique Kimbanguiste“ gefilmt und schaffen es dabei, etwas von der Kraft klassischer Musik in einem völlig ungewohnten Rahmen zu vermitteln.

Diese 16. Ausgabe von Visions du réel bedeutet den Abschied von Festivaldirektor Jean Perret und seiner Stellvertreterin und Lebenspartnerin Gabriela Busmann von einem Festival, das die beiden seit ihrem Amstantritt im Jahr 1994 zu einem der international wichtigsten Festivals im Bereich des „Cinema du réel“ gemacht haben. Jean Perret vermeidet bewusst den Begriff „Dokumentarfilmfestival“, denn ihm sind schon immer die Grenzbereiche zwischen Dokumentation und Fiktion, sowie das Verwischen von Grenzen ein besonderes Anliegen gewesen. „Elitär für alle“ nannte Perret vor einigen Jahren das Festival, das sich schon immer dem Ankämpfen gegen die genormten Bilder der Filmindustrie verschrieben hat. Dies schliesst allerdings die Präsenz von Stars an einem Festival keineswegs aus, das darüber hinaus auch ein Profil hat, welches verschiedene Kunstgattungen miteinander verbindet oder bekannte Künstler in einem ungewohnten Kontext zeigt. Das beste Beispiel dafür ist dieses Jahr die Rocklegende Lou Reed. Nachdem der heute 68-jährige Mitbegründer der Kultband Velvet Underground vor zwei Jahren in Nyon lediglich auf der Leinwand zu sehen war – in dem Konzertfilm „Berlin“ seines alten Freundes Julian Schnabel – ist er dieses Jahr am 20. April in Nyon live zu Gast, und zwar nicht als Musiker, sondern er wird hier seinen ersten eigenen Dokumentarfilm, das knapp halbstündige Porträt „Red Shirley“ über seine fast hundertjährige Cousine Shirley präsentieren und nach einer Publikumsdiskussion wohl auch noch eine kurze Lesung veranstalten.

Insgesamt werden in Nyon auch dieses Jahr wieder gut 160 Filme präsentiert, die meisten von ihnen als Weltpremieren oder als internationale Premieren. Unter den Schweizern finden sich so bekannte Namen wie Sabine Gisiger („Guru - Baghwan, his Secretary & his Bodyguard“), Nicolas Wadimoff („Aisheen - Still Alive in Gaza“), Miklos Gimes („Bad Boy Kummer“) oder der Winterthurer Shooting-Star Jonas Meier, der kürzlich in Solothurn für zwei Kurzfilme ausgezeichnet wurde und jetzt seinen ersten langen Dokumentarfilm („Mürners Universum“) zeigt. Unter den international bekannten Vertretern des „Cinema du réel“ sind dieses Jahr so klingende Namen wie Volker Koepp („Berlin-Stettin“), Alain Cavalier („Irène“), Frederick Wiseman („La danse, the Paris Opera Ballett“) oder Nicolas Philibert („Nénette“) vertreten.

Tradition haben in Nyon jeweils die so genannten „Ateliers“ - Retrospektiven in Anwesenheit der Regisseure, die in Workshops auch einen vertieften Einblick in ihr Schaffen geben. Dieses Jahr sind sie dem New Yorker Alain Berliner und dem Chinesen Wu Wenguang gewidmet. Während Berliner durch seine sehr eigenwilligen Familienfilme bekannt wurde, ist Wu Wenguang in China nicht nur einer der bedeutendsten unabhängigen Dokumentarfilmer, sondern darüber hinaus auch Festivalleiter und unermüdlicher und gestrenger Ausbildner einer neuen Generation kritischer Filmemacher. Peter Liechti - der dieses Jahr in Nyon an einem Podium über bessere Vermarktung von Dokumentarfilmen teilnimmt – war 2008 bei Wu Wenguang an dessen „Crossing Festival“ in Peking zu einem Workshop eingeladen und tief beeindruckt: „Ich habe in meiner ganzen Karriere wohl noch nie einen so intensiven Workshop erlebt. Wu Wenguang hat von seiner Ausstrahlung und von seiner Energie her etwas von einem Guru oder einem Zen-Meister – und er ist einer, der bezüglich der Situation in seinem Land kein Blatt vor den Mund nimmt“. Wu Wenguang wird nach Nyon zwei eigene Filme mitbringen, sowie vier Filme, die – chinesische – Teilnehmer seiner Workshops realisiert haben.
(Geri Krebs)