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Nicht nur eine neue Direktorin - Vorschau auf die 47. Solothurner Filmtage. Von Walter Gasperi

Nicht nur eine neue Direktorin - Vorschau auf die 47. Solothurner Filmtage. Von Walter Gasperi

Vom 19. bis 26. Januar bieten die Solothurner Filmtage wieder einen Überblick über das aktuelle Schweizer Filmschaffen. Aber nicht nur neue Filme werden gezeigt, sondern der Wechsel der Leitung von Ivo Kummer zur 33-jährigen Filmwissenschaftlerin Seraina Rohrer bringt auch einige Neuerungen im Konzept.

Wie in den letzten beiden Jahren finden die Filmtage auch heuer wieder von Donnerstag bis Donnerstag statt. Schon einen Tag vor dem offiziellen Start wird aber Xavier Kollers oscargekrönter „Reise der Hoffung“ bei freiem Eintritt in der Solothurner Reithalle gezeigt, mit dem auf den eigentlichen Eröffnungsfilm eingestimmt werden soll. Dann steht nämlich die Welturaufführung von Kollers neuem Film „Eine wen iig, dr Dällebach Kari“ auf dem Programm, in dem die Lebensgeschichte des Berner Stadtoriginals erzählt wird.

Zahlreiche Premieren
Ihre Premiere feiern im Rahmen der Filmtage aber unter anderem auch die neuen Filme von Stefan Schwietert, Greg Zglinski und Veronika Minder. Schwietert begab sich nach „Heimatklänge“ für „Balkan Melodie“ auf eine musikalische und zeitgeschichtliche Spurensuche nach Südosteuropa, der polnischstämmige Greg Zglinski erzählt dagegen in seinem Spielfilm „Courage“ von zwei gegensätzlichen Brüdern, die in einen Übergriff von Hooligans verwickelt werden und dabei ganz unterschiedlich reagieren.

Gegensätze prallen auch in Sebastian Kutzlis Regiedebüt „Puppe“ aufeinander, in dem ein Straßenkind in einem Erziehungscamp auf die Mörderin ihrer besten Freundin trifft. Von Gewalt erzählt auch die Dokumentarfilmerin Heidi Specogna, die für ihren bei der Duisburger Dokumentarfilmwoche ausgezeichneten „Carte Blanche“ die Ermittler des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag bei ihrer Arbeit in der Zentralafrikanischen Republik begleitete.

Veronika Minder lässt dagegen in „My Generation“ ein ehemaliges Hippiemädchen, einen Kommunisten, eine Tänzerin, einen Musiker, einen Physiker und eine Bundesangestellte auf ihr Leben und ihre Träume zurückblicken und thematisiert so einerseits das Älterwerden, andererseits aber auch gesellschaftspolitische Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten.
Gespannt sein darf man auch auf „Bottled Life – Nestlés Geschäfte mit dem Wasser“, in dem Urs Schnell der Frage nachgeht, wie es möglich ist, gewöhnliches Wasser in Flaschen abzufüllen und damit Milliarden zu verdienen. Auf eine weite Spurensuche nach den Ursachen des Hungers begab sich Christian Neu für „Hunger – Genug ist nicht genug“, während Frédéric Gonseth und Theo Stich in ihrem interaktiven fünfeinhalbstündigen Dokumentarfilm „Die andere Seite der Welt“ die Geschichte der humanitären Hilfe und der Entwicklungshilfe der Schweiz nachzeichnen. Ein Modell für eine friedvolle Ko-Existenz inmitten einer Konfliktregion stellt dagegen David Vogel in „Shalom Chaverim, Shalom Shalom“ vor, in dem er eine Wohngemeinschaft aus jungen israelischen Juden und Arabern porträtiert.

„Prix du Public“ und „Prix de Soleure“
„Shalom Chaverim, Shalom Shalom“ konkurriert mit den Filmen Schnells, Specognas und Zglinskis sowie Fernand Melgars „Vol spécial“, Markus Imbodens „Der Verdingbub“ Rolando Collas „Giochi d´estate“ und Stefan Mugglis /Andri Hinnens Dokumentarfilm „Unter Wasser atmen – Das zweite Leben des Dr. Nils Jent“ um den mit 60.000 Schweizer Franken dotieren Prix du Soleure. Zur Jury, die über diesen Preis entscheiden wird gehören neben Alt-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, die Regisseurin Séverine Cornamusaz („Coeur animal“) und der Schriftsteller Charles Lewinsky.

Elf Filme wurden in den Wettbewerb um den mit 20.000 Schweizer Franken dotierten Prix du Publix aufgenommen. Der Bogen spannt sich dabei von den Dokumentarfilmen Schwieterts und Minders über Tim Fehlbaums apokalyptischen „Hell“ bis zu Ulrich Grossenbachers „Messies, ein schönes Chaos“ oder Bruno Molls „Alpsegen“.

Rencontre: Marthe Keller
Großes Hollywoodkino kommt nach Locarno mit der Schiene „Rencontre“, die der Schweizer Schauspielerin Marthe Keller gewidmet ist. Nach verschiedenen Rollen im deutschen Fernsehen, feierte Keller 1968 in Philippe de Brocas „Le diable par le queue“ an der Seite von Yves Montand ihr Leindwanddebüt, wurde anschließend mit den französichen Fernsehserien „Arséne Lupin“ (1971) und „La demoiselle d´Avignon“ (1972) international bekannt. Mitte der 70er Jahre gelang ihr dann der Sprung in die USA. In John Schlesingers Thriller „Marathon Man“ (1976) spielte sie ebenso wie in John Frankenheimers „Black Sunday“ (1977), Billy Wilders „Fedora“ (1977) und an der Seite von Al Pacino die weibliche Hauptrolle in Sydney Pollacks Rennfahrerfilm „Bobby Deerfield“ (1977). Danach wurde es eher ruhig um Keller, doch letztes Jahr rief sie sich mit einer Nebenrolle in Clint Eastwoods „Herafter“ (2010) wieder ins Gedächtnis. Die gebürtige Baslerin wird ihre Filme selbst präsentieren und über ihre internationalen Erfahrungen berichten.

Neue Programmschienen
Fixer Programmpunkt der Filmtage ist auch die Präsentation von Koproduktionen, in deren Rahmen heuer unter anderem Béla Tarrs „The Turin Horse“, Alice Rohrwachers „Corpo celeste“ oder Philippe Garrels „Un été brûlant“ gezeigt werden.

Mit den neuen Programmschienen „Upcoming“ und „Fokus“ setzt Seraina Rohrer in ihrem ersten Jahr als Direktorin aber auch schon starke eigene Akzente. Während mit „Upcoming Talents“ den kurzen und mittellangen Filmen von Nachwuchsregisseuren eine Plattform geboten werden soll, sollen im „Fokus“ unter dem Motto „Jenseits des Kinos“ die Grenzen der siebten Kunst ausgelotet werden. Ursprünglich fürs Web konzipierte Filme werden in diesem Rahmen ebenso gezeigt wie Projekte, die die Konventionen der Filmgenres sprengen.

Abgerundet wird das Programm wie gewohnt durch zahlreiche Rahmenveranstaltungen wie Vorträge und Podiumsdiskussionen.
(Walter Gasperi)