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Leichtigkeit trotz schwerer Themen – Die Filme von Hirokazu Kore-eda. Von Walter Gasperi

Um existentielle Fragen geht es im Werk von Hirokazu-Kore-eda („Nobody Knows“, „Still Walking“) immer. Gesellschaftliche Stimmungen und Entwicklungen entwickelt der Japaner aus ganz privaten Geschichten heraus, der Fokus liegt auf dem Menschen, dem Grundsätzlichen in seinem Leben und innerfamiliären Beziehungen. Und bei aller Schwere der Themen strahlen seine Filme einzigartige Leichtigkeit aus. Das Filmpodium Zürich widmet Kore-eda bis Ende März eine Retrospektive.

Der 1962 in Tokio geborene Hirokazu Kore-eda studierte zunächst Literatur, ehe er sich dem Film zuwandte. Zahlreiche Dokumentarfilme realisierte er für das Fernsehen. Zentrale Themen waren dabei immer wieder die Erinnerung, das Leben und das Sterben.

Nicht nur diese Herkunft vom Dokumentarfilm sieht man Kore-edas Spielfilmen an, sondern auch die Themen setzen sich im fiktionalen Werk fort.

So erzählt er in seinem Spielfilmdebüt „Maboroshi no hikari“ (1995) von einer Frau, die mit dem Selbstmord ihres Mannes nicht fertig wird, Jahre später von der Stadt in ein Fischerdorf zu einem anderen Mann zieht, aber erst lernen muss, sich von der Erinnerung zu lösen und wieder zum Leben zu finden. Wie in seinen sechs folgenden Filmen werden auch hier keine dramatischen Szenen entwickelt, sondern mit Geduld und Zurückhaltung, gleichwohl mit größter Empathie beobachtet und durch die Ruhe die Dramatik dem Geschehen gleichsam ausgetrieben. Wenig wird gesprochen, umso mehr dafür in ebenso langen und ruhigen Einstellungen erzählt.

Um die Erinnerung geht es wiederum, wenn auch auf ganz andere Art, in Kore-edas zweitem Spielfilm „After Life“ (1998): Höchste Authentizität besitzen die Szenen, in denen Beamte in einem Bürogebäude frisch Verstorbene empfangen, um sie nach der intensivsten Erinnerung ihres Lebens zu befragen. So surreal die Ausgangssituation scheinen mag, so realistisch, teilweise quasidokumentarisch ist die Inszenierung und bewegt in diesem Gestus den Zuschauer zutiefst.

Zum Meisterwerk geriet Kore-eda „Nobody Knows“ (2004), in dem eine allein erziehende Mutter ihre vier Kinder wortlos und auf Nimmerwiedersehen in einer kleinen Stadtwohnung zurück lässt. Leicht hätte man aus dieser Ausgangssituation ein tränendrückendes Melodram entwickeln können. Kore-eda aber beschränkt sich darauf ganz unspektakulär zu schildern, wie sich die vier Geschwister selbst organisieren, wie ihr Alltag verläuft und sie in der Extremsituation den Normalfall spielen. Die Kamera ist dabei immer auf Höhe der Kinder, solidarisiert sich mit ihnen und wird gleichsam zu einem Mitbewohner in der engen Wohnung. Ganz beiläufig wird so bitterste Not sichtbar und rar sind die Momente des Glücks, die als einzige von Musik begleitet werden.

Da gibt es keine großen emotionalen Momente, aber langsam schleicht sich ein Mitgefühl für die Alleingelassenen und eine stille Trauer ein, die lange nachwirken. Mit neuen Augen lässt dieser Film Kinder, im speziellen ihre Zerbrechlichkeit und ihre Bedürfnisse sehen, und per negativum wird sichtbar, was Kindheit ausmacht.

Leicht wäre es hier auch gewesen die Mutter zu verteufeln, doch wie in seinen anderen Filmen fällt Kore-eda auch in „Nobody Knows“ kein Urteil, sondern bleibt neutraler, aber allen Figuren sichtlich mit Liebe zugewandter Beobachter.
Während er sich zu „Nobody Knows“ von einer kurzen Zeitungsnachricht anregen ließ, war der Auslöser von „Still Walking“ der Tod seiner Mutter. Nichts weiter als eine Familienfeier beobachtet der japanische Meisterregisseur hier, beschränkt sich zeitlich auf einen Tag und räumlich weitgehend auf das Haus der Eltern. Da wird an diesem Gedenktag an den schon 15 Jahre zurückliegenden Unfalltod des Sohnes mehr an Gesten und Blicken als in Dialogen sichtbar, dass die Eltern nie über diesen Verlust hinweggekommen sind. Nach außen benimmt man sich weitgehend korrekt und freundlich, doch speziell in Dialogen über Abwesende werden Bruchlinien sichtbar.

So bitter dieses Meisterwerk, das in der Schilderung der Familie aber auch in seiner zurückhaltenden Inszenierung an die Filme Yasujiro Ozus erinnert, vom Inhalt her ist, so leicht, wie dahingetupft, wirkt es. Perfekt spielen da der von Empathie getragene Blick, die warme Sommeratmosphäre und die sanften Farben zusammen. Wie in „Nobody Knows“ sieht man zwar Tragisches, im Konkreten subtile familiäre Spannungen und die Unfähigkeit zur offenen Kommunikation, und wird doch – wie bei allen Filmen Kore-edas - mit einem Gefühl der Leichtigkeit und Gelöstheit aus dem Kino entlassen.

Durch die Genauigkeit und das Feingefühl der Beobachtung entwickeln die Filme Kore-edas aber auch eine Wahrhaftigkeit, wie man sie selten im gegenwärtigen Kino findet. Keine Figuren, sondern realen Menschen, die einem im Laufe des Films immer vertrauter werden und näher kommen, scheint man hier zu sehen. Die existenziellen Themen, um die alle seine Filme kreisen, versteht er dabei auch in einen historischen Film wie „Hana“, den er dezidiert als Reaktion auf 9/11 und dessen Folgen bezeichnet hat, zu verpacken. Im Gewand eines Samurai-Film, der sich statt aufs Kämpfen auf den Alltag konzentriert, evoziert Kore-eda hier nicht nur mit dem gewohnt genauen Blick für Details und durchzogen von sanfter Komik das Arme-Leute-Milieu des Japans des frühen 18. Jahrhunderts, sondern reflektiert auch zeitlos über Rache und Ruhm, Loyalität und wahre Werte.
(Walter Gasperi)