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70. Festival Locarno vom 2.-12.8.17

70. Festival Locarno vom 2.-12.8.17

Die Jubiläumsausgabe des grössten unter den kleinen oder des kleinsten unter den grossen Filmfestivals bietet auf Piazza Grande und im Wettbewerb Gewohntes, wartet aber auch mit einigen Neuerungen auf.

Unter das Motto „Kontinuität und Innovation“ stellt der künstlerische Leiter Carlo Chatrian die heurige Ausgabe des Festivals am Lago Maggiore. Gepflegt werden zwar die gewohnten Programmschienen, doch anlässlich des Jubiläums eines der ältesten Filmfestivals der Welt werden auch neue und renovierte Kinosäle (PalaCinema und GranRex) eröffnet. Neue Akzente werden auch mit Gesprächsrunden («Locarno Talks») gesetzt, bei denen namhafte Persönlichkeiten wie der Astrophysiker Ben Moore, die Sängerin Peaches und die frühere Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs der UNO für Ex-Jugoslawien Carla del Ponte über das Thema „Heimat“ diskutieren werden. Neu ist auch, dass man das Publikum von morgen mit einem speziellen Kinderprogramm („Locarno Kids“) für das Festival begeistern will sowie ein digitaler Wettbewerb (#movieofmylife).

Tradition und Gegenwart
Die Verknüpfung der Tradition des Festivals mit der Gegenwart erfolgt aber auch über einzelne Filme und Ehrungen. So wird der Ehrenleopard an Jean-Marie Straub verliehen, dessen Filme, die in Zusammenarbeit mit seiner 2006 verstorbenen Lebensgefährtin Danièle Huillet entstanden, immer wieder in Locarno zu sehen waren. Der Pardo d´onore Manor wiederum geht an Todd Haynes, dessen Karriere in Locarno 1991 mit der Präsentation seines Debüts „Poison“ begann. Zu sehen ist aus diesem Anlass aber auch Haynes´ neuer Film „Wonderstruck“. 
Und schliesslich schlägt auch der chilenische Wettbewerbsbeitrag „La telenovela errante“ den Bogen von der Vergangenheit zu Gegenwart. Schon 1991 hat Raul Ruiz diesen Film zwar gedreht, doch das Material blieb über 20 Jahre ungeschnitten liegen. Erst nach dem Tod des Regisseurs im Jahre 2011 begann sich eine Gruppe junger chilenischer Filmemacher um Rekonstruktion und Schnitt des Films zu bemühen.

Buntes Piazzaprogramm
Eröffnet wird das Piazzaprogramm und damit das Festival mit der Weltpremiere von Noémie Lvovskys „Demain et tous les autres jours“, zu der mit Hauptdarsteller Mathieu Amalric auch gleich ein Star am Lago Maggiore erwartet wird. Als einzige grosse US-Produktion wird in diesem vielleicht schönsten Freilichtkino der Welt David Leitchs Action-Thriller „Atomic Blonde“ zu sehen sein. Hauptdarstellerin Charlize Theron soll aus diesem Anlass ebenso ins Tessin kommen wie zur Weltpremiere von Tommy Wirkolas Science-Fiction-Film „What Happened to Monday?“ Glenn Close und Willem Dafoe. Im Gegensatz zu diesen Uraufführungen kommt Ben und Joshua Safdies Krimidrama „Good Time“ schon mit viel Kritikerlob vom Filmfestival in Cannes, während Michael Showalters romantische Komödie „The Big Sick“ in den USA seit ihrer Uraufführung beim Sundance Festival im Januar gefeiert wird.
 Auch das deutschsprachige Kino fehlt auf der Piazza Grande nicht. Gespannt sein darf man hier auf Felix Randaus Aufarbeitung der Geschichte des „Ötzi“ in dem weitgehend dialoglosen „Iceman“, in dem Jürgen Vogel die Hauptrolle spielt. Randaus dritter Kinofilm wurde ebenso teilweise in Südtirol gedreht wie „Drei Zinnen“, in dem Jan Zabeil Familiendrama und Bergsteigerfilm zu verbinden scheint.
 Die Schweiz ist in diesem viel beachteten Rahmen mit den Weltpremieren von Anup Singhs „The Song of Scorpions“ sowie als Abschlussfilm mit dem Dokumentarfilm „Gotthard – One Life, One Soul“ vertreten, in dem Kevin Merz ein Porträt der Tessiner Rockband zeichnet, die einst selbst in Locarno auf der Piazza Grande debütierte.

Vier Dokumentarfilme im Wettbewerb
14 Weltpremieren und drei internationale Premieren bietet der Wettbewerb. Die Schweiz ist im Rennen um den Goldenen Leoparden mit Dominik Lochers zweitem Spielfilm „Goliath“ sowie als Koproduzent mit dem Dokumentarfilm „Ta peau si lisse“ des Kanadiers Denis Côté vertreten. Auffallend ist, dass vier Dokumentarfilme in den Wettbewerb eingeladen wurden. Während Côté vier Bodybuilder porträtiert, begleitet der Künstler Ben Russell in seinem 16-mm-Film „Good Luck“, der auch auf der heurigen Documenta 14 in Kassel zu sehen ist, mit der Kamera Goldschürfer in Südamerika und dringt in Serbien in eine Kupfermine vor.
 Ebenfalls von der Documenta nach Locarno kommt „Mrs. Fang“, in dem der Chinese Wang Bing geduldig das Sterben der 67-jährigen, an Alzheimer leidenden Protagonistin mit der Kamera schildert. Travis Wilkerson wiederum spürt in „Did You Wonder Who Fired the Gun?“ einem düsteren Geheimnis in seiner Familiengeschichte nach.
 Zu den bekannteren Namen im Wettbewerb zählt auch der US-Indie-Regisseur Aaron Katz, der sechs Jahre nach „Cold Weather“ mit „Gemini“ nach Locarno zurückkehrt. Überhaupt sind die USA stark vertreten, kommen doch zu den Werken von Russell, Wilkerson und Katz auch noch „En el séptimo dia“, in dem Jim Mackay von einem mexikanischen Fahrradkurier in Brooklyn erzählt, sowie mit „Lucky“ das Regiedebüt des Schauspielers John Carroll Lynch, in dem Harry Dean Stanton die Hauptrolle spielt.
 Deutschland darf Jan Speckenbachs zweiten Spielfilm „Freiheit“ ins Leopardenrennen schicken, aus Rumänien, das immer für Überraschungen gut ist, kommt „Charleston“ von Andrei Cretulescu. Starpower bietet Serge Bozons weibliche „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“-Variation „Madame Hyde“, in dem Isabelle Huppert und Romain Duris die Hauptrollen spielen, während der Däne Hlynur Pálmason in „Winter Brothers“ vom Streit zweier Brüder mit ihren Nachbarn erzählt.

Schweizer Film in Locarno
Der Schweizer Film ist in Locarno wie gewohnt auch abseits von Piazza und Wettbewerb vielfältig präsent. Im Parallelwettbewerb „Cineasti del presenti“ feiert beispielsweise Cyril Schäublins Langfilmdebüt „Dene wos guet geit“ seine Uraufführung. Ausser Konkurrenz präsentiert Sabine Gisiger ihren Dokumentarfilm „Willkommen in der Schweiz“, der sich mit der Flüchtlingskrise beschäftigt. Einen Einblick in das aktuelle Schweizer Filmschaffen bietet auch heuer die Sparte „Panorama Suisse“ mit Filmen wie Petra Volpes „Die göttliche Ordnung“, Stefan Haupts „Finsteres Glück“ oder Karoline Arns und Martina Rieders Dokumentarfilm „Unerhört Jenisch“. Auch eine filmhistorische Entdeckung kann man hier machen, wird doch Jean-Luc Godards 1986 entstandener Fernsehfilm „Grandeur et décadence d´un petit commerce de cinéma“ nach seiner Restauration erstmals im Kino gezeigt.

Ehrenpreise und Stars
Stars lockt man nach Locarno vor allem mit der Verleihung von Preisen, die jeweils von der Vorführung von Filmen der Geehrten begleitet wird. Neben dem Ehrenleoparden an Jean-Marie Straub und dem Pardo d´onore Manor an Todd Haynes wird der Leopard Club Award an Adrien Brody und der Excellence Award Moet & Chandon an Matthieu Kassowitz verliehen. Nastassja Kinski wird mit einer Hommage geehrt und der Premio Raimondo Rezzonico für einen wichtigen unabhängigen Produzenten geht an Michel Merkt, der unter anderem „Toni Erdmann“ und „Elle“ produzierte.

Retrospektive: Jacques Tourneur
Die Retrospektive widmet sich mit Jacques Tourneur einem Meister des atmosphärischen Horrorfilms. Mit kleinem Budget gelangen dem 1977 verstorbenen Amerikaner in den frühen 1940er Jahren mit „I Walked with a Zombie“ und „Cat People“ ungemein stimmungsvolle Klassiker des Genres, gleichzeitig schuf er aber auch mit „Out of the Past“ einen herausragenden Film noir. Dass Tourneur, der in den unterschiedlichsten Genres arbeitete, aber nicht nur mit Schwarzweiss, sondern auch mit Farben meisterhaft umzugehen verstand, werden wiederum sein Piratenfilm „Anne of the Indies“ und der Western „Canyon Passage“ anschaulich vor Augen führen.

Dokumentarfilme in der „Semaine de la critique“
Spannend ist in Locarno immer auch die „Semaine de la critique“, in deren Rahmen jeweils sieben Dokumentarfilme gezeigt werden. Der Bogen spannt sich heuer von „The Kongo Tribunal“, in dem Milo Rau die Zustände in dem vom Bürgerkrieg erschütterten Kongo analysiert, über „Las Cinéphilas“, in dem die Argentinierin Maria Álvarez einige Frauen porträtiert, die sich zwar nicht kennen, die aber die Kinoleidenschaft verbindet, bis zu „The Poetess“, in dem Stefanie Brockhaus und Andreas Wolff mit der Kamera eine junge Araberin begleiten, die an einer Talentshow teilnimmt, bei der Superstars der Dichtkunst gesucht werden.
(Walter Gasperi)