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62. Filmfestival Locarno – Jugendsorgen und Altersfragen

62. Filmfestival Locarno – Jugendsorgen und Altersfragen

Eröffnet wurde das 62. Filmfestival von Locarno mit Marc Webbs charmant-verspielter romantischen Komödie „(500) Days of Summer“. Wie hier der Protagonist emotional erwachsen werden muss und seinen Glauben an die romantische Liebe zurückschrauben muss, so müssen in mehreren Wettbewerbsfilmen – freilich auf weit härtere Weise – Jugendliche den Weg ins Erwachsenenalter finden. Hart ist diese Entwicklung für Ryo in „Wakaranai – Where are You?“ des Japaners Masahiro Kobayashi. Im neuen Film des Gewinners des Goldenen Leoparden von 2007 („Ai no yokan – The Rebirth“) muss der 16-jährige Protagonist nicht nur für sich sorgen, sondern auch Geld auftreiben, um die Spitalsrechnungen seiner Mutter zu bezahlen. Im repetitiven Erzählrythmus, der auch den Zuschauer ermüdet, folgt die Kamera hautnah dem Teenager, doch näher bringt das einem diese Figur auch nicht, sodass das Interesse am Schicksal Ryos mit Fortdauer eher nachlässt als an Eindringlichkeit zu gewinnen. Intensiv die Befindlichkeit eines jungen Internetchatters lässt dagegen der Brasilianer Esmir Filhó in „Os famosos e os duendes da morte“ erfahren, wenn er virtuelle Welt, Realität und Imagination mischt und verstärkt durch die Musik eine dichte zutiefst melancholische, ja todessehnsüchtige Atmosphäre evoziert. Stimmungsmäßig überzeugend, irritiert allerdings die fragmentarisch bleibende beziehungsweise kaum entwickelte Story des Films.

Klarer zu folgen ist hier schon der 16-jährigen Claire in „L´insurgée – Restless“ des Franzosen Laurent Perreau. Weil aber Perreau die Unsicherheit und Zerrissenheit seiner Protagonistin mit einer fragmentarischen und zerfahrenen Erzählweise direkt in die filmische Form übertragen will, erschwert er dem Zuschauer den emotionalen Zugang unnötigerweise. Wenig überzeugend, eher ein Vehikel um Michel Piccoli ins Spiel zu bringen, wirkt es auch, wenn Perreau als Gegenpol zu den Nöten des Teenagers vor allem gegen Ende hin die schmerzhaften Erinnerungen eines alten Mannes thematisiert.

Nur ums Alter – egal um welches - geht es in „Giulias Verschwinden“, in dem Christoph Schaub nach einem Drehbuch von Martin Suter parallel erzählt von einem Geburtstag im Altersheim, einer Diebestour von zwei 15-Jährigen und dem Geburtstag einer 50-jährigen, die selbst zum Fest gar nicht erscheint, sondern sich lieber mit einer Zufallsbekanntschaft in einer Bar unterhält. So fabelhaft das auch geschrieben und gespielt ist, für einen 90-minütigen Spielfilm ist es dann doch zu wenig, wenn nach einer langen Exposition nur noch am Restaurant- oder am Altersheimtisch, zwar variantenreich, aber sich letztlich doch im Kreis drehend, sanft ironisch, aber nicht wirklich bissig über die (vermeintlichen) Sorgen, die das Alter mit sich bringt, diskutiert wird.

Solche Probleme wie bei Schaub/Suter zu wälzen zeugt von einem Wohlstand der Figuren, von dem die Protagonistin im Debüt des Südafrikaners Oliver Hermanus nur träumen kann. Mit einer hautnah und unruhig geführten Handkamera macht Hermanus in „Shirley Adams“, unterstützt von der grossartigen Denise Newman in der Hauptrolle, eindringlich im Stil der belgischen Brüder Dardenne die Last und Anspannung einer Mutter erfahrbar, die sich in einer Vorstadt von Kapstadt allein um ihren seit einem Schusswechsel querschnittgelähmten Sohn kümmern muss. In einem durchschnittlichen Wettbewerb um den Goldenen Leoparden hinterliess dieses intensive und packende Porträt einer aufopferungsvoll sich einsetzenden und kämpfenden Frau bislang den stärksten Eindruck.
(Walter Gasperi)