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Notturno

IT2020, OV/df, 100', Regie: Francesco Rosi, Dokumentarfilm

Notturno

Filmkritik von Philipp Stadelmaier

Ein Fischer gleitet auf seinem Kanu sanft durch eine nächtliche Flusslandschaft, die unwirklich schön ist. Im Hintergrund glüht der Himmel orangefarben vom Feuer der Ölbohrtürme.

Alles ist ruhig; nur in der Ferne knattern Maschinengewehrsalven. Andernorts bewacht eine Gruppe von kurdischen Peschmerga-Kämpferinnen einen verlassenen Grenzposten, hoch über einer Talebene; zur Erholung ziehen sie sich zurück ins Halbdunkel eines Hauses, wo sie schlafen und Videos schauen: Bilder ihres Kampfes gegen den Islamischen Staat, die Terrororganisation, die unsagbares Leid über Region und Menschen gebracht hat. Eine Gruppe von Müttern trauert um ihre gefallenen Söhne; eine Frau hört, mit Tränen in den Augen, Sprachnachrichten ihrer Tochter, die der IS entführt hat, ab. Andere wohnen in einer psychiatrischen Klinik, wo Vergangenheit und Gegenwart der Konflikte in einem Theaterstück verarbeitet werden sollen. Und dann sind da noch die jesidischen Kinder. Sie erzählen ihrer Betreuerin von der Gewalt und der Folter, die sie durch die Islamisten erlitten haben, von Schlägen mit Stromkabeln und verbrannten Fusssohlen.

Selbst in diesen Szenen, in denen so Furchtbares berichtet wird, bleibt die Kamera des Dokumentarfilmers Gianfranco Rosi, der sein eigener Kamera- und Tonmann ist, ruhig, unaufgeregt, auf seltsame Art fast beruhigend. Was soll sie auch tun, als hinzuschauen, zu filmen, wie das Kind spricht und die Lehrerin zuhört, nachfragt, manchmal auch einfach nur schweigt? Die Kraft von Notturno, der letztes Jahr im Wettbewerb der Filmfestspiele in Venedig lief, liegt nicht zuletzt in dieser entwaffnenden Direktheit, mit der er die versehrte und zerschundene Welt des Nahen Ostens freilegt. Nichts könnte diesem Zugang fremder sein als die fürs Genre gängigen Talking Heads und Off-Kommentare. Gesprochen wird nicht viel, und wenn, dann nur unter Schmerzen: um Traumata zu vermitteln oder zu verarbeiten; um Tod und Leid zu beklagen. Mehr als die Klagen wiegen die stummen, leeren, weiten, wolkenverhangenen und regen­nassen Landschaften des Films: kriegszerstörte Ruinenstätten und No-Go-­Areas, Todeszonen und Flüchlings­lager, die im Schlamm versinken.

Rosis letzter Film, der Berlinale-Gewinner Fuocoammare (2016), schilderte mit Blick auf Seenotrettung und die Situation afrikanischer Geflüchteter und Migrant*innen das Leben auf der italienischen Insel Lampedusa. Man könnte nun fragen, «wo» genau der Folgefilm spielt, der sich an die Orte der sogenannten «Fluchtursachen» begibt. Der Vorspann gibt eine ungefähre Antwort: Gedreht wurde in Grenzgebieten des heutigen Irak, in Syrien, im Libanon, in Kurdistan. In Ländern, die von europäischen Kolonialmächten einst willkürlich eingeteilt und festgelegt wurden und die bis heute von Korruption, Terrorismus, ausländischen Invasionen, Machthunger und Tyrannei geprägt sind.
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Kritiken

National International
- Roland Meier für outnow.ch - Andreas Busche für tagesspiegel.de
- Irene Genhart für cineman.ch - Scott Roxborough für hollywoodreporter.com
  - Simran Hans für theguardian.com
  - Roxana Hadadi für rogerebert.com
   
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Xenix Film

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