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Der Traum von einer besseren Welt – Utopien im Film. Von Walter Gasperi

Der Traum von einer besseren Welt – Utopien im Film. Von Walter Gasperi

Wie in keinem anderen Medium können im Kino Wunschvorstellungen Wirklichkeit werden. So eignet sich der Film zur Präsentation alternativer gesellschaftlicher Entwürfe, kann historische Beispiele reinszenieren oder Utopien in der Zukunft Realität werden lassen. Vor allem in den Zukunftsvisionen entpuppt sich dabei freilich bei genauerem Blick das vermeintliche Paradies als Albtraum und die Utopie wird zur Dystopie. Das Filmpodium Zürich widmet diesem Thema im Mai und Juni eine Filmreihe.

Ein Medium des Traums und des Imaginären ist das Kino im Grunde immer, werden doch mittels Licht und Schatten Menschen und eine Welt erschaffen, die für sich Realitätscharakter beanspruchen. Noch eine Stufe gesteigert wird dies freilich, wenn nicht von der Realität, sondern einer möglichen schönen neuen oder auch bedrohlichen Welt erzählt wird.

Das Nachdenken über eine Alternative zur jeweils gegenwärtigen Gesellschaft ist alt. Platon ließ im 4. Jhdt. v. Chr. seinen in der «Politeia» beschriebenen Idealstaat in einem dem Raum und der Zeit entrückten – und folglich nicht nachprüfbaren - mythischen Atlantis Wirklichkeit werden. Fast 2000 Jahre später prägte dann Thomas Morus mit «Utopia» (1516) den Begriff für einen gesellschaftlichen Gegenentwurf. Dabei lässt sich dieses Wort sowohl als «eu-topos», «der gute Ort», als auch als «a-topos», «der Nichtort» lesen. Immer kennzeichnet somit die Utopie die Vorstellung vom Idealen, das im Moment seiner Realisierung aber auch schon wieder zerstört wird.

Den Versuch solche Utopien in die Realität umzusetzen, gab es in der Geschichte immer wieder. Der Jesuitenstaat in Paraguay (1609 – 1768) war inspiriert von Tommaso Campanellas Utopie «Der Sonnenstaat» und am bekanntesten ist die sozialistische Utopie, die in der UdSSR verwirklicht werden sollte, aber rasch in Diktatur und Terror ausartete. Am Anfang wurde die neue Gesellschaft freilich noch gefeiert – auch filmisch wie durch Eisenstein in «Das Alte und das Neue / Die Generallinie» (1929) oder Dsiga Wertov in «Entuziazm / Simfonija Donbassa» (1930).

Weniger bekannt ist das Projekt des protestantischen britischen Reformers Gerrard Winstanley, der auf Basis der Bibel im 17. Jahrhundert eine frühkommunistische agrarische Gesellschaft schuf. Wie Kevin Brownlow und Andrew Mollo 1975 im Spielfilm «Winstanley» diesem gescheiterten Experiment ein Denkmal setzten, so spürten die italienischen Brüder Taviani in «Allonsanfàn» (1973) einer revolutionären Bewegung im Italien des frühen 19. Jahrhunderts nach.

Im Gegensatz zu diesen historisch fixierbaren Versuchen stehen die fiktionalen Gegenwelten, die im Kino immer wieder entworfen wurden. Solange nicht alle Flecken der Welt gänzlich erforscht waren, konnten diese noch an abgeschiedenen Ecken imaginiert werden. Frank Capra ließ in seiner Verfilmung von James Hiltons Roman «Lost Horizon» 1937 den Traum von einem von Krankheit und Tod befreiten Paradies im Himalaya Wirklichkeit werden. – Das Idyll verkehrt sich dabei freilich rasch in ein Schreckgespenst.

Je genauer die Welt aber in ihren geographischen und historischen Dimensionen erforscht war, desto häufiger wurden Utopien in eine nicht überprüfbare und somit noch mögliche Zukunft verlegt. William Cameron Menzies entwirft in der H.G. Wells-Verfilmung «Things to Come» (1936) ausgehend vom Jahr 1940 eine düstere Vision über den Verlauf der Geschichte der folgenden 100 Jahre, die inzwischen teilweise von der Realität eingeholt wurde.

Direkt in der Gegenwart verankert ist dagegen Rene Clairs «À nous la liberté» (1932). Der Versklavung durch Fließbandarbeit, die er so eindrücklich schildert, dass er Chaplins «Modern Times» beeinflusst haben dürfte, wird ungebrochen die Utopie einer vollautomatisierten Gesellschaft gegenüber gestellt, in der es keine Arbeit mehr gibt und jeder unbegrenzte Freizeit genießt. Auf futuristische Schnörkel verzichtet auch Francois Truffaut in seiner Ray Bradbury-Verfilmung «Fahrenheit 451» (1965). Truffaut zeichnet das beklemmende Bild eines autoritären Staates, in dem der Besitz von Büchern verboten ist und die Feuerwehr nicht die Aufgabe hat, Brände zu löschen, sondern Bücher zu verbrennen. Der Bezug zum Nationalsozialismus ist unübersehbar, aber auch eine Kritik an und Warnung vor anderen das freie Denken einschränkenden und abstumpfenden Strömungen von der Hexenjagd McCarthys bis zu unreflektiertem Medienkonsum ist Truffauts Film zu lesen.

Dieser warnende Charakter nimmt mit realen globalen ökologischen und gesellschaftlichen Problemen zu. – Fast ausschließlich Dystopien sind, abgesehen von den schon erwähnten rückwärtsgewandten historischen Filmen der Tavianis und von Brownlow/Mollo folglich die filmischen Zukunftsvisionen der letzen 40 Jahre Richard Fleischer entwirft in «Soylent Green» («2022 …die überleben wollen», 1973) das Bild einer gar nicht so fernen Zukunft mit verheerender Umweltverschmutzung und Überbevölkerung. Ressourcen sind längst aufgebraucht, sodass aus Menschenfleisch Nahrung produziert wird. Kaum minder düster ist der Großstadt-Moloch, den Ridley Scott in «Blade Runner» (1982) skizziert. Müllberge und Überbevölkerung bestimmen das Bild, des ständig unter einer Smogglocke liegenden Los Angeles des Jahres 2019.

Ein verschärftes Zukunftsszenario gegenwärtiger Probleme zeichnet auch Alfonso Cuarón in «Children of Men» (2006). Von aktuellen Nachrichtenbildern ist hier die Schilderung von Flüchtlingselend und Ghettoisierung sowie von brutalen Polizeieinsätzen, mit denen einzig das völlige Ausbrechen von Chaos verhindert werden kann, beeinflusst.

Clean ist die Welt dagegen in Alex Proyas Isaac Asimov-Verfilmung «I, Robot» (2004). Roboter sorgen für ein sauberes Straßenbild, dennoch kennzeichnet Kälte diese von Beton, Stahl und Glas in Grau und Weiß getauchte Welt, der jede Natur förmlich ausgetrieben ist. Wie in «Blade Runner» dient auch hier eine Film noir Story um einen Detective als Vordergrund für eine dystopische Zukunftsvision, in der Fragen nach dem Wesen des Menschen und dem freien Willen aufgeworfen werden.

In weitere Zukunft, genauer in eine postapokalyptische Erde des Jahrs 2293, entführt dagegen John Boorman mit «Zardoz» (1973). Der Brite zeichnet das Bild einer autoritären Gesellschaft, die in die so genannten «Ewigen» und die Jäger gespalten ist. Fristen letztere ein trostloses Dasein, so genießen die Ewigen scheinbar ein paradiesisches Leben. Doch auch dieses erweist sich aufgrund des Fehlens von Herausforderungen und Zielen letztlich als öde und unbefriedigend.
(Walter Gasperi)

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