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Zwischenbericht vom 64. Internationalen Filmfestival von Locarno. Von Walter Gasperi

Zwischenbericht vom 64. Internationalen Filmfestival von Locarno. Von Walter Gasperi

Während mit „Cowboys and Aliens“ neben Regisseur Jon Favreau auch die Stars Harrison Ford und Daniel Craig nach Locarno kamen, dominieren im Wettbewerb um den Goldenen Leoparden kleine Autorenfilme, die nicht auf Effekte setzen, sondern Fragen der Menschlichkeit in den Mittelpunkt rücken.

Mehr Wert auf Glamour und Stars als seine Vorgänger legt Festivaldirektor Olivier Père. Mit den Blockbustern sollen auch die Stars ins Tessin kommen. Nach der Eröffnung mit J. J. Abrams „Super 8“, der schon einen Tag später in den Kinos startete, erreichte das Festival am Samstag diesbezüglich einen Höhepunkt: Zur Europapremiere von „Cowboys and Aliens“ ließen sich neben Regisseur Jon Favreau auch Daniel Craig und Harrison Ford, der zudem mit einem Lifetime Achievement Award geehrt wurde, auf der Piazza feiern. Der Film an sich brachte dann ausser dem Umstand, dass Aliens im Wilden Westen eingreifen, nicht viel Neues. Inszeniert Favreau den Beginn noch knochentrocken im Stil eines klassischen Westerns, so handelt er ab Eintreffen der Aliens auf den Spuren von John Fords „The Searchers“ doch eher lieblos Westernmotive ab, die durch die Konfrontationen mit den stereotypen Aliens auch nicht an Reiz gewinnen. So lässt „Cowboys and Aliens“ leider Witz und Ironie vermissen und wird je länger je mehr zur hinlänglich bekannten Materialschlacht.

Genrekino auf der Piazza
Ungleich mehr Spaß macht da der kleine britische Alien-Film „Attack the Block“, in dem Joe Cornish das Westernmotiv des von Indianern angegriffenen Forts in ein desolates Viertel im Süden Londons verlegt. Mag hier eine Jugendgang zunächst noch eine junge Krankenschwester überfallen, so befinden sich Täter und Opfer bald vereint im Abwehrkampf gegen Aliens, von denen man abgesehen von pechschwarzen Schemen kaum mehr als das fluoreszierende Gebiss zu sehen bekommt.

Über klassische Genremuster geht das nie hinaus, bietet aber in seiner kompakten Inszenierung mit Beschränkung auf eine Nacht und einen Häuserblock, starkem Sounddesign und Rapmusik sowie atmosphärisch dicht eingefangenem Milieu und frischen Jungdarstellern spannende Unterhaltung.

Schwer an der Last des praktisch zeitgleich entstandenen „The Road“ (beziehungsweise des zugrunde liegenden Romans von Cormac McCarthy) zu tragen hat Tim Fehlbaums Debüt „Hell“. Eindringlich evoziert der junge Basler Regisseur mit ausgebleichten, in Sandfarben getauchten und stark überbelichteten Bildern eine Welt, die – in der Doppeldeutigkeit des sowohl deutsch als auch englisch zu lesenden Titels – durch Helligkeit zur Hölle geworden ist: In einer durch katastrophalen Klimawandel von der Sonne verbrannten Erde, auf der nicht nur das gesellschaftliche System zusammengebrochen ist, sondern auch Treibstoff, Lebensmittel und Wasser knapp geworden sind, versuchen sich zwei Frauen und ein Mann mit einem alten PKW nach Norden durchzuschlagen, wo die Natur noch halbwegs intakt sein soll. Auch wenn die Handlungsentwicklung beliebig wirkt, so schildert „Hell“ doch eindringlich, wie in Extremsituationen die dünne Schicht der Zivilisation schnell abblättert und der Überlebenskampf nackten Egoismus zutage treten lässt. Gleichzeitig zeigt sich in der Entwicklung der von Hannah Herzsprung gespielten Protagonistin aber auch deutlich, wie jemand in diesem Überlebenskampf über sich hinauswachsen und ungeahnte Kräfte mobilisieren kann.

Highschool-Film der anderen Art
Wird das Piazzaprogramm von Genrekino dominiert, so schlagen die Wettbewerbsfilme leisere Töne an. An die Filme Thomas McCarthys („The Station Agent“, „The Visitor“) erinnert beispielsweise Azazel Jacobs „Terri“. Ohne Dramatisierung erzählt der Amerikaner von einem schwer übergewichtigen Jugendlichen, der elternlos bei seinem selbst pflegebedürftigen Onkel aufwächst. In der Highschool ist Terri schon allein wegen seiner Körperfülle beliebtes Mobbingopfer. Erst Gespräche mit dem eigenwilligen Vize-Direktor, in denen Terri lernt offen auf die anderen zuzugehen, führen den Jugendlichen aus dieser Außenseiterrolle heraus. Schon öfter hat man solche Geschichten zwar gesehen, doch rundum mögen muss man diesen Film in seiner Menschlichkeit und seinem warmherzigen Blick auf die Figuren und ihre Probleme dennoch.

Neues Europa – Wo bleibt die Menschlichkeit?
Zurückhaltung kennzeichnet auch den Schweizer Wettbewerbsfilm „Vol spécial“. Wie schon in „La Forteresse“ setzt sich Fernand Melgar auch in seinem neuen Dokumentarfilm mit der eidgenössischen Ausländerpolitik auseinander. Er fokussiert ganz auf dem Ausschaffungslager Framboise, in dem Migranten deren Asylantrag abgelehnt wurde bis zur Abschiebung gefangen gehalten werden. Auf jeden Kommentar verzichtet Melgar, schildert in klassischer Manier des Direct Cinema den Alltag im Lager, lässt Betreuungspersonal und Inhaftierte zu Wort kommen. Mag das Personal noch so freundlich – veranlasst durch die Kamera vielleicht auch freundlicher als im Alltag - mit den Insassen umgehen, so erschüttert der Film dennoch, denn stets ist klar, dass die Ausweisung folgen wird. Gewünscht hätte man sich aber doch, dass Melgar in einem Film mit dem Titel „Vol spécial“ auch die Brutalität dieser Praxis der Ausschaffung zumindest im Nachspann deutlicher herausstreicht.

Ein Aufruf zur Menschlichkeit in einem unmenschlichen Europa stellt auch Anca Damians Animationsfilm „Crulic – drumul spre dincolo“ dar. Aus dem Jenseits lässt die Rumänin ihren 2008 in einem polnischen Gefängnis gestorbenen Landsmann Crulic sein Leben nacherzählen. Auf Dialog wird verzichtet, der Off-Erzähler ermöglicht ebenso wie die Animationstechnik, in die auch originale Familienfotos einfließen, die 33 Lebensjahre und vor allem das Leiden im Gefängnis in 72 Minuten zusammenzufassen. Eine in realer Darstellung abgehackte anekdotische Szenenfolge wird durch die Animationstechnik zu einem rund dahin fliessenden Film und die Brutalität der Haft wird durch die Poesie der Bilder abgefedert, ohne sie zu verharmlosen. Erträglich macht das einen Film, in dem erschütternd dem Gedanken vom neuen menschlichen Europa ein bürokratisches System gegenübergestellt wird, in dem jede Behörde und jeder Beamte Zuständigkeit und Verantwortung auf den anderen schiebt, aber das Individuum nichts zählt und in ein Räderwerk gerät, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint.
(Walter Gasperi)