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Vorschau auf die 65. Berlinale. Von Walter Gasperi

Vorschau auf die 65. Berlinale. Von Walter Gasperi

Mit Isabel Coixets 1908 spielendem Grönlanddrama „Nobody Wants the Night“ wird am 5. Februar die 65. Berlinale eröffnet. Von Werner Herzog bis Terrence Malick finden sich heuer mehr grosse Namen als in den vergangenen Jahren im zehntägigen Wettbewerb um den Goldenen Bären. Die Schweiz ist im Hauptwettbewerb als Koproduzent von Laura Bispuris Debüt „Sworn Virgin“ und im Panorama mit Stina Werenfels´ „Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ und Samirs „Iraqi Odyssee“ vertreten.

Zahlreiche Stars werden zwischen dem 5. und 15. Februar auf dem roten Teppich vor dem Berlinale-Palast wieder von Schaulustigen bejubelt werden. Schon der Eröffnungsfilm „Nobody Wants the Night“ bringt Juliette Binoche und Gabriel Byrne an die Spree. Fix ist auch der Besuch von Natalie Portman und Christian Bale, während ihr medienscheuer Regisseur Terrence Malick wohl kaum nach Berlin kommen wird.

Malick im Wettbewerb, Aronofsky Jury-Präsident
Immerhin bringt der 71-jährige Texaner nach „The Tree of Life“ (2011) und „To the Wonder“ (2012) mit „Knight of Cups“ innerhalb von wenigen Jahren seinen dritten Film heraus. Ausser, dass es dabei um einen Mann gehen soll, der in Hollywood zwischen Ruhm und Exzess nach Liebe und Lebenssinn sucht ist darüber bislang wenig bekannt. Neben Malick und Coixet konkurrieren 17 weitere Regisseure mit ihren neuen Filmen um den Goldenen und die Silbernen Bären, die die von Darren Aronofsky geleitete Jury am 14. Februar vergeben wird.

Starke deutsche Präsenz
Mit grossen Namen ist heuer auch Deutschland vertreten. So läuft im Wettbewerb mit „Queen of the Desert“ der neue Film von Werner Herzog und ausser Konkurrenz Wim Wenders´ „Every Thing Will Be Fine“. Beide Altmeister des Jungen Deutschen Films haben zwar in den letzten Jahren mehr durch ihre Dokumentarfilme Aufmerksamkeit erregt als durch Spielfilme, aber wenn Herzog mit Nicole Kidman in der Hauptrolle das Leben der britischen Forscherin Gertrude Bell nachzeichnet, die bei der Neuordnung Arabiens nach dem Ersten Weltkrieg eine entscheidende Rolle spielte, klingt das doch vielversprechend.
Wie bei Herzog spielt auch in Wenders´ 3D-Drama „Every Thing Will Be Fine“ James Franco eine Hauptrolle, dazu kommen aber auch noch Charlotte Gainsbourg und Rachel McAdams. Ins Rennen um den Goldenen Bären darf Deutschland neben Herzog auch die neuen Filme von Andreas Dresen und Sebastian Schippers schicken. Während Dresen, der schon 2002 mit „Halbe Treppe“ im Berlinale-Palast begeisterte, mit „Als wir träumten“ ein Drama aus der Nachwendezeit vorlegt, wurde „Absolute Giganten“-Regisseur Schippers mit „Victoria“ erstmals in den Wettbewerb eines großen Festivals eingeladen.

Autorenkino und grosse US-Filme
Im Wettbewerb ist die USA zwar nur mit Malick vertreten, fährt aber ausser Konkurrenz einige Filme auf, die Kassenschlager werden könnten. So zeigt Kenneth Branagh seine mit Cate Blanchett, Stellan Skarsgard und Helena Bonham Carter prominent besetzte Version von „Cinderella“ und Bill Condon erzählt in „Mr Holmes“ vom pensionierten Detektiv Sherlock Holmes. Mit Spannung erwartet wird auch die Verfilmung von „Fifty Shades of Grey“, die freilich nur wenige Tage nach der Berlinale regulär in die Kinos kommen wird. 
Klassisches Autorenkino gibt dagegen im Wettbewerb den Ton an. Benoit Jacquot präsentiert hier eine Neuverfilmung des Romans „Journal d´un femme de chambre“, den schon Jean Renoir und Luis Buñuel für die Leinwand adaptierten. Der Chilene Pablo Larrain legt mit „El Club“ den Nachfolgefilm zu „No!“ vor und Peter Greenaway erzählt in „Eisenstein in Guanajuato“ von den Erfahrungen, die der sowjetische Meisterregisseur Sergej Eisenstein Anfang der 1930er Jahre in Mexiko machte. Weitere prominente Namen im Wettbewerb sind Patricio Guzmán, der mit „Der Perlmuttkopf“ den einzigen Dokumentarfilm beisteuert, sowie „Taxi“ den der Iraner Jafar Panahi wie schon seine letzten beiden Filme „In Film Nist“ („Dies ist kein Film“) und „Pardé“ trotz Berufsverbots im Geheimen drehen konnte.
Daneben könnte der Wettbewerb mit einer Produktion aus Guatemala, dem für Schräges bekannten Japaner Sabu («Chasuke´s Journey»), dem Russen Alexej German («Under Electric Clouds») durchaus auch Überraschung bringen.

Special, Panorama, Forum
Der Wettbewerb mit seinen 19 Filmen in und vier ausser Konkurrenz ist bei der Berlinale nur die Spitze des Eisbergs. Insgesamt laufen in den zehn Tagen des Festivals rund 400 Filme und auch ausserhalb des Wettbewerbs gibt es mit Spannung erwartete Premieren.
So feiern im „Berlinale Special“ mit „Life“ Anton Corbijns („A Most Wanted Man“) Film über das letzte Lebensjahr James Deans und mit Simon Curtis´ („My Week With Marilyn“) „Woman in Gold“ ein Film über die Jüdin Maria Altmann, die versucht Klimts von den Nazis beschlagnahmtes Gemälde „Goldene Adele“ durch einen Prozess gegen den österreichischen Staat zurück zu bekommen, ihre Uraufführung. 
Das „Panorama“ präsentiert unter anderem neue Filme des Amerikaners Hal Hartley („Ned Rifle“) und des Haitianers Raoul Peck („Murder in Pacot“). Einen vor phantastischen Einfällen überbordenden Bilderrausch darf man vom Kanadier Guy Maddin erwarten, der mit „The Forbidden Room“ das „Internationale Forum des Jungen Films“ eröffnet. Gespannt sein darf man in dieser Schiene auch, was Karl Markovics auf sein starkes Debüt „Atmen“ mit seinem zweitem Spielfilm „Superwelt“ folgen lässt.

Schweizer Präsenz und „Technicolor“
Die Schweiz ist im Wettbewerb als Koproduzent des Debüts der Italienerin Laura Bispuri vertreten. Diese erzählt in „Sworn Virgin“ von einer Albanerin, die gemäß eines albanischen Brauchs unter völligem Verzicht auf sexuelle Beziehungen, Ehe und Kinder in ihrer Familie die Rolle eines Mannes übernimmt. Im Panorama läuft Stina Werenfels´ schon bei den Solothurner Filmtagen uraufgeführte Verfilmung von Lukas Bärfuss´ Theaterstück „Nora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ sowie der 3D-Dokumentarfilm „Iraqi Odyssee“, in dem Samir die Geschichte seiner über die halbe Welt verstreuten globalisierten irakischen Mittelstandsfamilie erzählt.
Und wie gewohnt wird bei der Berlinale auch die Filmgeschichte gepflegt: Die heurige Retrospektive ist dem Technicolor-Film gewidmet und wird somit Farbenrausch und Kintopp pur bieten.
(Walter Gasperi)