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Vorschau auf das 68. Filmfestival von Locarno. Von Walter Gasperi

Vorschau auf das 68. Filmfestival von Locarno. Von Walter Gasperi

Auch heuer bietet Locarno einen bunten Mix. Vom Boxerfilm über Komödien bis zum Geschichtsdrama spannt sich der Bogen des Piazzaprogramms, im Wettbewerb konkurrieren 19 Filme um den Goldenen Leoparden und auch zahlreiche Stargäste werden am Lago Maggiore erwartet.

Eröffnet wird das Festival mit der Weltpremiere des neuen Films von Oscar-Preisträger Jonathan Demme („Das Schweigen der Lämmer“). In dem von „Juno“-Autorin Diablo Cody geschriebenen „Ricky and the Flash“ will sich Meryl Streep als alternde Rocksängerin, die der Karriere wegen die Erziehung der Kinder ihrem Mann überlassen hat, mit ihrem Nachwuchs aussöhnen.

Piazza: Von Hollywood bis Bollywood
Neben „Ricky and the Flash“ werden 15 weitere Lang- sowie drei Kurzfilme auf der rund 8000 Besucher fassenden Piazza Grande präsentiert werden, neun davon als Weltpremiere. Der Bogen spannt sich dabei bei den Amerikanern neben Demmes „Ricky“ von Judd Apatows neuer Komödie „Trainwreck“ bis zu Antoine Fuquas Boxerfilm „Southpaw“.
Nicht zuletzt für die zahlreichen deutschen Touristen, die im Tessin weilen, dürfte der künstlerische Leiter Carlo Chatrian „Der Staat gegen Fritz Bauer“ ins Programm aufgenommen haben. Lars Kraume erzählt darin vom hessischen Generalstaatsanwalt, der in den späten 1950er Jahren gegen den Widerstand der deutschen Öffentlichkeit für die Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen kämpfte – ein Thema, mit dem sich jüngst schon Giulio Ricciarelli in fiktionalisierter Form in „Im Labyrinth des Schweigens“ beschäftigte.
Die Schweiz ist auf der Piazza mit Lionel Baiers „La vanité“ sowie mit „Erlkönig“, dem neuen Kurzfilm des Animationsfilmers Georges Schwizgebel vertreten. Gespannt sein darf man auch auf „Jack“ von Elisabeth Scharang, in dem die Österreicherin das Leben des Wiener Mörders, Frauenschwarms und Society-Fixsterns Jack Unterweger aufarbeitet, oder auf Alfonso Gomez-Rejons Sundance-Erfolg „Me and Earl and the Dying Girl“.
Der Kanadier Philippe Falardeau, dessen „Monsieur Lazhar“ 2011 den Publikumspreis gewann, zeigt mit „Guibord s´en va-t-en guerre“ ebenso seinen neuen Film wie die Französin Catherine Corsini, die „Partir – Die Affäre» mit „La belle saison“ eine lesbische Liebesgeschichte folgen lässt. Bollywood-Kino fehlt hier mit Anurag Kashyaps „Bombay Velvet“ ebenso wenig wie Lateinamerikanisches mit „Heliopolis“ des Brasilianers Sérgio Machado, mit dem das Festival beendet wird.

Wettbewerb: Altmeister und zwei Erstlinge
Wie im Piazza-Programm ist auch im Wettbewerb die Schweiz heuer eher schwach vertreten. Einzig die schweizerisch-deutsche Koproduktion „Heimatland“, in der zehn Regisseure auf eine Schweiz blicken, die vom Ausland abhängig ist, fand Aufnahme in das Rennen um den Goldenen Leoparden. Unter den 18 weiteren Produktionen, davon 15 als Weltpremieren, finden sich neben zwei Erstlingswerken auch renommierte Namen.
Der Pole Andrzej Zulawski schickt mit „Cosmos“ seinen ersten Film seit 15 Jahren ins Rennen. Zu den Altmeistern zählt auch die Belgierin Chantal Akerman, die „No Home Movie“ präsentiert, und der seit Jahrzehnten in Frankreich lebende Georgier Otar Iosseliani, dessen „Chant d´hiver“ in Locarno uraufgeführt wird.
Gespannt sein darf man aber auch auf „Chevalier“ der Griechin Athina Rachel Tsangari, die mit ihrem Debüt „Attenberg“ Aufsehen erregte, und auf „Schneider vs. Bax“ des Niederländers Alex van Warmerdam, dessen letzter Film „Borgman“ 2013 im Wettbewerb von Cannes lief.
Mit dem 317-minütigen „Happy Hour“ des Japaners Ryusuke Hamaguchi gibt es auch heuer wie im letzten Jahr mit Lav Diaz´ späterem Siegerfilm „From What Is Before“ einen überlangen Film im Wettbewerb. – Ob man hier eine spannende Entdeckung machen kann, wird sich ebenso wie bei den anderen Filmen erst zeigen. Fix ist aber, dass der geographische Bogen mit Produktionen von Russland bis Mexiko, von Sri Lanka bis Israel und von den USA bis zum Iran weit gespannt ist.

Ehrenpreise und Stars
Wie in den letzten Jahren lockt Locarno auch heuer mit zahlreichen Ehrenpreisen Stars an den Lago Maggiore. Schon am Eröffnungsabend wird der US-Schauspieler Edward Norton („25th Hour“) den „Excellence Award Moët & Chandon“ erhalten. Marco Bellocchio („I pugni in tasca“) und Michael Cimino („The Deer Hunter“) werden mit einem Ehrenleoparden ausgezeichnet, die französische Schauspielerin Bulle Ogier und der 90-jährige russische Filmemacher Marlen Khutiev werden mit einem „Pardo alla carriera“ geehrt, Andy Garcia den erhält den „Leopard Club Award“ und der Ton- und Schnitttechniker Walter Murch den „Vision Award Nescens“.
Begleitet werden diese Preisverleihungen immer auch durch die Präsentation von Filmen, die Einblick in das Schaffen der Geehrten vermitteln. So kann man in Locarno heuer auch Klassiker von Alain Tanners „Le salamandre“ bis Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ und von Brian de Palmas „The Untouchables“ bis Ciminos „Heavens Gate“ sehen.

Sam-Peckinpah-Retrospektive
Kernstück der Pflege der Filmgeschichte ist aber die große Retrospektive, die heuer dem 1984 verstorbenen US-Regisseur Sam Peckinpah gewidmet ist. Wegen der exzessiven Gewaltdarstellungen waren Filme wie „The Wild Bunch“ und „Straw Dogs – Wer Gewalt sät“ bei ihren Erstaufführungen zwar heftig umstritten, doch gleichzeitig prägte Peckinpah mit seinen Schnittgewittern und dem Einsatz von Zeitlupe die moderne Filmsprache. Neben seinen 14 Spielfilmen, vom prototypischen Spätwestern „Ride the High Country“ (1962) bis zum Thriller „The Osterman Weekend“ (1983), werden in Locarno auch Fernsehserien, für die Peckinpah verantwortlich zeichnete, und Dokumentationen über diesen Regisseur, dessen Filme von den Produzenten teilweise umgeschnitten und verstümmelt wurden, gezeigt.

Schweizer Kino in Locarno
Locarno bietet aber auch dem Schweizer Film die Möglichkeit sich einem internationalen Publikum breit zu präsentieren. Die Präsenz auf Piazza und im Wettbewerb mag eher dürftig sein und auch im Concorso Cineasti del presente ist die Eidgenossenschaft nur durch Guillaume Senez´ “Keeper“ vertreten, doch kann man in der „Panorama Suisse“ Einblick in das aktuelle nationale Filmschaffen gewinnen.
Neben schon in den Kinos gestarteten Filmen wie Simon Jaquemets „Chrieg“ und Stina Werenfels „Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ werden hier unter den zehn ausgewählten Produktionen unter anderem auch Stefan Schwieterts „Imagine Waking Up Tomorrow and All Music Has Disappeared“ und „Wild Women – Gentle Beasts“, in dem Anka Schmid Zirkus-Dompteurinnen porträtiert, vorgestellt.
Und auch in der „Semaine de la critique", in der seit nunmehr 25 Jahren jährlich sieben ungewöhnliche Dokumentarfilme gezeigt werden, ist die Schweiz mit Aya Domenigs „Als die Sonne vom Himmel fiel“ und Jakob Brossmanns „Lampedusa im Winter“ vertreten. – Abgerundet wird damit ein Festival, dessen Stärke nicht zuletzt in seiner Vielfalt liegt, im Mix aus Unterhaltungskino und Experiment, aus Spiel- und Dokumentarfilm, aus aktuellen Produktionen und Blick auf die Filmgeschichte.
(Walter Gasperi)