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Schlussbericht und Preise des 37. Festival Internacional del Nuevo Cine Latinoamericano, La Habana, Cuba

Schlussbericht und Preise des 37. Festival Internacional del Nuevo Cine Latinoamericano, La Habana, Cuba

Mit der Preisverleihung ging am Sonntagabend in Havanna im Kino "Charles Chaplin" die 37. Ausgabe des Festival Internacional del Nuevo Cine Latinoamericano zu Ende. Den Hauptpreis gewann "El club" des Chilenen Pablo Larraín ("No"), weitere Hauptpreise gingen an Filme aus Brasilien, Mexiko und Venezuela, derweil das kubanische Kino, das in diesem Jahr zahlenmässig so stark präsent war wie nie zuvor, weit gehend leer ausging.

Eröffnet worden war diese dritte Ausgabe unter der Leitung des neuen künstlerischen Direktors Ivan Giroud am vergangenen 3. Dezember traditionsgemäss im "Teatro Karl Marx", dem grösstem Saal des Landes für kulturelle Anlässe. Festivalleiter Giroud, der sein Amt seit dem Tod des Begründers und Patriarchen des Festivals, Alfredo Guevara, im April 2013, innehat, zitierte in seiner Erföffnungsrede auch Worte des greisen Revolutionsführers Fidel Castro von vor dreissig Jahren, ein Detail , das von Kuba-Analysten als Konzession an jene Hardliner in der Leitung des Filminstituts ICAIC gewertet werden konnte, die in diesen Tagen und Wochen eine junge und aufmüpfige Cineastengeneration vergeblich wieder vermehrt auf Linie zu bringen versuchen.

Offizieller Eröffnungsfilm war der argentinischen Polithriller "El clan" des Regisseurs Pablo Trapero ("Mundo grúa", "Carancho"). Das Drehbuch zu "El clan" basiert auf dem so realen wie unglaublichen Fall einer angesehenen Familie im Buenos Aires der frühen 1980er Jahre zur Zeit der Militärdiktatur, die sich dem Geschäft der Entführung von Söhnen aus reichem Haus widmete. Das Familienoberhaupt erpresste jeweils das Lösegeld und liess die Entführten anschliessend umbringen - und führte dieses Geschäft, gedeckt durch Seilschaften in Argentiniens Militärapparat, auch nach dem Übergang des Landes zur Demokratie im Jahr 1984 noch weiter. Was so lange funktionierte bis durch eine Nachlässigkeit seitens der Entführer das makabre Familienunternehmen aufflog. Der Film, der bei seiner internationalen Premiere im vergangenen September am Filmfestival von Venedig den Silbernen Löwen gewonnen und sich gleichzeitig in seinem Heimatland Argentinien zum zweitgrössten Publikumserfolg aller Zeiten entwickelt hatte, war nun auch in Havanna der Publikumsliebling. Er gewann hier erwartungsgmäss den Publikumspreis an einem Festival, das sich ansonsten grösstenteils in Ruhe und Diszipliniertheit abspielte - chaotische Szenen mit überfüllten Sälen wie sie noch vor einigen Jahren an der Tagesordnung waren, blieben in diesem Jahr weit gehend aus. Und es bleibt auch positiv anzumerken, dass einige Festivalkinos seit kurzem endlich sanft renoviert worden sind, nachdem sie jahrelang in deplorablem Zustand vor sich hingedümpelt hatten.

Mit nicht weniger als 444 Titeln präsentierte "Havanna 2015" ein gewohnt überreiches Programm, bei dem man als Zuschauer hoffnunglos den Überblick zu verlieren drohte und bei dem natürlich auch unzählige Perlen untergingen. Bei der Preisverleihung wurde mit "El club" des Chilenen Pablo Larraín ein Film mit dem Hauptpreis ausgezeichnet, der seit seiner Premiere an der Berlinale im vergangenen Februar bereits eine beachtliche Festivalkarriere hinter sich hat und der unter anderem auch am Zurich Film Festival gezeigt worden war, der aber bis heute - im Gegensatz zu "El clan" in der Schweiz noch keinen Verleih hat. Präsidiert wurde die Jury von Geraldine Chaplin, die an der Eröffnung des Festivals frenetisch gefeiert wurde, als sie nachträglich den Schauspielpreis des letztjährigen Festivals entgegennehmen konnte, der ihr für ihre Rolle in dem Film "Dólares de arena" des dominikanisch-mexikanischen Regieduos Laura Amelia Guzmán/Israel Cárdenas verliehen worden war, einem Liebesdrama um eine reiche alte Französin, die sich in der Dominikanischen Republik in ein einheimisches Mädchen verliebt. Ein Echo des letztjährigen Festivals war schliesslich auch die Präsenz des Franzosen Laurent Cantet in der diesjährigen Jury. Denn es war Cantets bis anhin letzter Film "Le retour d'Ithaque", eine französisch-kubanische Ko-Produktion, gewesen, die 2014 mit der Entfernung aus dem Festival - dessen Katalog die Präsenz des Films bereits angekündigt hatte - damals für einige Nebengeräusche gesorgt hatte an einem Festival, bei dem sich der Staat gelegentlich eher unangenehm bemerkbar macht.

Natürlich war man in diesem Jahr gespannt, wie sehr sich die Annäherung zwischen Kuba und den USA bemerkbar machen würde, die letztes Jahr just wenige Tage nach Festivalende am 17. Dezember begonnen hatte. In diesem Jahr nun war mit der kurzen Präsenz von Ethan Hawke am zweiten Festivaltag und einem breit angelegten Seminar von HBO die USA tatsächlich prominenter vertreten als auch schon und es wurde mit der kubanisch-US-amerikanischen Ko-Produktion "Papa", einem Bio-Pic des US-Regisseurs Bob Yari über Hemingways letzte Jahre in Kuba, eine Ikone gefeiert, die schon immer beide Länder als einen der Ihren für sich reklamiert haben. Ansonsten aber war beispielsweise mit der Anwesenheit von Benicio del Toro während fast des ganzen Festivals ein Star aus dem Norden präsent, der es sich bereit seit Jahren zur Gewohnheit gemacht hat, das Festival mit zu beehren. Dieses Jahr war er zudem in einem Dokumentarfilm des Kanadiers Ron Chapman über den kubanischen Trova-Star Carlos Varela, "The poet of Havana", zu bewundern, wo er sich als langjähriger Freund dieses grossen kubanischen Musikers mit seinen oftmals regimekritischen Texten outete.

Mit nicht weniger als neun langen Spielfilmen in den beiden Wettbewerben - fünf in der offiziellen Sektion und vier in der Selktion "Opera Prima" - war das kubanische Kino dieses Jahr zahlenmässig so stark vertreten wie noch nie in seiner Geschichte. Zwar gingen ungerechtfertigterweise alle kubanischen Filme bei der Verleihung der Hauptpreise leer aus, mit Ausnahme einer "Mención" für das Werk "La obra del siglo". Dieser zweite lange Spielfilm des 1984 geborenen Regisseurs Carlos Machado Quintela - der vor ein paar Jahren bereits mit seinem Erstling "La piscina" an der Berlinale auf sich aufmerksam gemacht hatte - war zweifellos von allen kubanischen Filmen der eigenwilligste und interessanteste. Das in schwarz-weiss gefilmte tragikomische minimalistische Kammerspiel um einen Haushalt von drei Männern unterschiedlicher Generation in einer tristen Hochhauswohnung ist angesiedelt in der Trabantenstadt "Ciudad electrica nuclear" (Cen) in der Nähe von Cienfuegos. Dort war zwischen 1982 und 1992 als "Werk des Jahrhunderts" -so die Übersetzung des Filmtitels - mit tatkräftiger sowjetischer Unterstützung an Kubas erstem Atomreaktor gebaut worden, einem Wahnsinnsprojekt, das nach dem Untergang der Sowjetunion sang- und klanglos eingestellt und teilweise rückgebaut wurde. Heute existiert hier nur noch die Cen mit über 5000 Einwohnern und in 6 Kilometeren Entfernung das Skelett der AKW-Ruine, und zurückgeblieben sind Menschen, die ihrem schwierigen Schicksal weit gehend sich selber überlassen sind. Angereichert mit immer wieder eingestreuten grell-bunten Archivaufnahmen, zeugend von einem unglaublichen Fortschrittsoptimismus in den 1980er Jahren, bildet dieses Material den grösst möglichen Gegensatz zu einer in lähmender Lethargie erstarrten Welt von heute in der Cen - eine so subtile wie unpolemische Anklage gegen ein Regime, das den Leuten einst ein Paradies versprach und heute weit gehend mit seinem Machterhalt beschäftigt ist, derweil sich seine Untertanen in einer reinen Überlebenswirtschaft eingerichtet haben.

Thematisch ganz anderen Ende angesiedelt war ein - für kubanische Verhältnisse - teurer Film, dessen Premiere, im Gegensatz zu "La obra del siglo" von den kubanischen Medien stark begleitet wurde: Das Historiendrama "Cuba libre" von Jorge Luis Sánchez. Der Regisseur, der vor neun Jahren in der Schweiz am Filmfestival von Locarno im Hauptwettbewerb mit seinem vorletzten Film, dem Musikerbiopic "El Benny", präsent gewesen war, erzählt in "Cuba libre" aus der Optik zweier Schulbuben die Geschichte der Endphase von Kubas Unabhängigkeitskrieg 1898 gegen Spanien, als schliesslich die USA intervenierten und sich vom anfänglichen Alliierten schliesslich zur Besatzungmacht wandelten. Der Film mit der bekannten Schauspielerin Isabel Santos ("La vida es silbar") in der weiblichen Hauptrolle - als spanientreue Lehrerin der beiden Knaben - beleuchtet eine heute weit gehend vergessene Episode aus Kubas Geschichte und ist im Licht der aktuellen Entwicklung der Beziehungen zwischen Kuba und den USA aufschlussreich, zeigt er doch deutlich wie komplex und widersprüchlich das Verhältnis zwischen beiden Ländern sich schon vor über 100 Jahren gestaltete.
(Geri Krebs)

Preise

CORALES  
LANGSPIELFILME  
Bester Spielfilm EL CLUB
Pablo Larraín (Chile)
Spezialpreis der Jury TORO DE NEON
Gabriel Mascaro (Brasilien, Uruguay, Niederlande)
Besondere Erwähnung der Jury LA OBRA DEL SIGLO
Carlos Enrique Machado Quintela (Kuba, Argentinien, Deutschland, Schweiz)
KURZFILME  
Bester Kurzfilm LA NUBE
Marcel Beltrán Fernández (Kuba)
Besondere Erwähnung der Jury CAMINO DEL AGUA
Carlos Felipe Montoya (Kolumbien)
Beste Regie Sandra Kogut,
CAMPO GRANDE (Brasilien, Frankreich)
Bester Schnitt EL ABRAZO DE LA SERPIENTE
Ciro Guerra (Kolumbien, Venezuela, Argentinien)
Beste Originalmusik EL ABRAZO DE LA SERPIENTE
Ciro Guerra (Kolumbien, Venezuela, Argentinien)
Bester Ton Alejandro de Icaza und Raúl Locatelli
YO (Mexiko, Kanada, Schweiz, Dom. Republik)
Bestes Drehbuch Julio Hernández Cordón
TE PROMETO ANARQUIA (Mexiko, Deutschland)
Beste Kamera Guillermo Nieto
LA LUZ INCIDENTE (Argentinien, Frankreich, Uruguay)
Beste weibliche Darstellerin Jana Raluy
UN MOSTRUO DE MIL CABEZAS (Mexiko)
Beste männliche Darsteller Diego Calva und Eduardo Eliseo Martínez
TE PROMETO ANARQUIA (Mexiko, Deutschland)
Beste künstlerische Leitung Ailí Chen
LA LUZ INCIDENTE (Argentinien, Frankreich, Uruguay)
Weitere Preise  
Preis der 'UNEAC'
(Unión de Escritores y Artistas de Cuba)
EL CLUB
Pablo Larraín (Chile)
Preis der kubanischen Filmjournalistenvereinigung
(Asociación Cubana de la Prensa Cinematográfica)
EL CLUB
Pablo Larraín (Chile)
Preis 'Caminos'
Verliehen vom 'Centro Memorial Martin Luther King'
SIEMPREVIVA
Klych López (Kolumbien)
Preis 'Sara Gómez'
Verliehen von 'Red de Realizadoras Cubanas'
LA SEGUNDA MADRE
Anna Muylaert (Brasilien) und
LO QUE LLEVA EL RIO
Mario Crespo (Venezuela)
Preis 'El Mégano'
Verliehen von 'Federación Nacional de Cine Clubes'
LA OBRA DEL SIGLO
Carlos Enrique Machado Quintela (Kuba, Argentinien, Deutschland, Schweiz)
Dokumentarfilmpreis 'Memoria'
Verliehen vom 'Centro Cultural Pablo de la Torriente Brau'
ALFARO VIVE CARAJO
Mauricio Samaniego Ponce (Ecuador)
Besondere Erwähnungen NUESTRA HAYDEE
Esther Barroso Sosa (Kuba)
  MATRIA
Fernando Llanos (Mexiko)
Preis 'Roque Dalton'
Verliehen von 'Radio Habana Cuba'
EL CLAN
Pablo Trapero (Argentinien, Spanien)
Preis 'Vigía'
Verliehen von 'Sub-sede de Matanzas'
ULTIMOS DIAS DE UNA CASA
Lourdes de los Santos (Kuba)
Preis der UNICEF LAS ELEGIDAS
David Pablos (Mexiko, Frankreich)
Preis 'Únete' LAS ELEGIDAS
David Pablos (Mexiko, Frankreich)
Preis 'Casa de Las Américas' IXCANUL
Jayro Bustamante (Guatemala, Frankreich)
Preis 'FEISAL' TIEMPO SUSPENDIDO
Natalia Bruschtein (Mexiko)
Besondere Erwähnung CARTA A UNA SOMBRA
Daniela Abad (Kolumbien)
Preis des 'UPEC'
(Círculo de Periodistas de Cultura)
CUBA LIBRE
Jorge Luis Sánchez (Kuba)
   
Internet-Voting des Kinoportals der Stiftung Neues Lateinamerikanisches Kino  
Langspielfilm EL ABRAZO DE LA SERPIENTE
Ciro Guerra (Kolumbien, Venezuela, Argentinien)
Erstlingsfilm IXCANUL
Jayro Bustamante (Guatemala, Frankreich)
Dokumentarfilm EL TREN DE LA LINEA NORTE
Marcelo Martín Herrera (Kuba)
Kurz- und mittellanger Film LA ULTIMA NOCHE
Julian Stubbs (Mexiko)
Animationsfilm GUIDA
Rosana Urbes (Brasilien)