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Schlussbericht über die 13. Internationalen Kurzfilmtage Winterthur. Von Andrea Lüthi

Schlussbericht über die 13. Internationalen Kurzfilmtage Winterthur. Von Andrea Lüthi

An den 13. Internationalen Kurzfilmtagen Winterthur war der politische Kurzfilm Schwerpunktthema des Spezialprogramms. Eine Auseinandersetzung mit der Gesellschaft fand aber auch in den Filmen des Schweizer und Internationalen Wettbewerbs statt.

Christoph Schlingensief trompetet im Schnee eine Hymne, Pipilotti Rist zeigt eine Frau, die singt „I’m not the girl who misses much“, und bei Werner Herzog schützen Fanatiker Rennpferde vor Fanatikern. Wer ist hier nun fanatisch und weshalb? Nicht überall in den im Spezialprogramm „Fanatiker“ gezeigten Filmen war das eindeutig – gerade deshalb regten sie zur Diskussion über Fanatismus an. Die Grenzen zu den „Ufmüpferli“-Filmen, die in einem andern Spezialprogramm gezeigt wurden, waren oft fliessend, denn „aufmüpfig“ waren eigentlich auch die Fanatikerfilme. Allerdings beschränkte man sich bei den „Ufmüpferli“ auf die politische Schweiz – wobei Kurt Frühs „Mitenand gahts besser“ wohl die meisten (belustigten) Publikumsreaktionen hervorrief. In biederen Versen wird Verständnis für Beamte gefordert und das Miteinander betont.

Das Mit- und Nebeneinander war aber nicht nur im politischen Spezialprogramm Thema, sondern auch in Filmen des Internationalen und Schweizer Wettbewerbs. Da ging es um das Zusammenspiel von Mikrokosmos und Makrokosmos („Six Appartments“ von Reynold Reynolds), das Zusammenleben verschiedener Kulturen in einem Guesthouse („Chungking Dream“ von Jean-Louis Schuller), vor allem aber um die Frage, wie sich der Einzelne in der Gesellschaft arrangieren kann, gerade wenn er anders ist.

Einsame Wölfe

In Lorenz Suters „Der Mann, der nichts wollte“, einem kunstvoll umgesetzten Kurzfilm im Stil des Film Noirs sagt ein junger Mann: „Ich mag die Menschen in den Filmen besser als die realen – sie stören weniger.“ Am liebsten tut er nichts, und er interessiert sich für nichts. Die Frau, die ihn als Geliebten ausgewählt hat, ist einfach da. Sie stört ihn nicht – bis sie ihn in ihr Leben einplant und er den dramatischen Schlusspunkt setzt.

Kurzfilme über einsame Wölfe können aber auch heiter enden; das zeigt Rafael Sommerhalders Animationsfilm „Wolves“. Ein Mann schläft in der U-Bahn ein, heult im Traum wie ein Wolf, wird von den anderen irritiert angeschaut; eine Passagierin aber erkennt ihn als ihresgleichen. Und auch der Mann in Ari Zehnders „Completition“, der zwanghaft jede Alltagshandlung als sportlichen Wettkampf interpretiert, findet bei einem rasanten Staffettenlauf durch die Stadt eine Gleichgesinnte.

Daneben waren berührende Aussenseiter-Filme zu sehen, etwa Basil Da Cunhas „A Côté“, in dem ein Strassenarbeiter sich durch die Wand in die Stimme seiner Nachbarin verliebt. Oftmals waren die Hauptfiguren aber auch Kinder und Jugendliche, die sich im Leben zu behaupten haben – etwa das Mädchen in Rebecca Johnsons „Top Girl“, die in der von Machismo geprägten Rapperszene mitmischen will. Oder Connie in Judith Kurmanns gleichnamigem Film, die am neuen Wohnort von „Töffli“-Mädchen schikaniert wird, dann aber zum Gegenangriff übergeht. Auf witzige Art greift die Regisseurin die Stimmung unter Jugendlichen auf – und offenbar hat sie die gut getroffen, wie die empathischen Kommentare der Schulklasse im Publikum bewiesen.

Lebenskampf und Vergänglichkeit

Poetisch und zugleich tief ergreifend war wiederum „Kings of London“. Der britische Regisseur Sean Conway lässt hier ein Ghettokid mit blonder Perücke auf einem Pferd durch London reiten und sämtliche Ghetto-Rennen gewinnen. Da ist der Sieg alles, und selbst das Leben seines Cousins weniger wichtig. Das Leben als Kampf – manchmal siegt man, am Ende aber verliert jeder. Das Bewusstsein um Vergänglichkeit klang denn auch wiederholt an. Im melancholischen Film „Toter Mann“ von Hannes Baumgartner leidet ein Chirurg am Tod seines Patienten; der Sohn des Chirurgs hingegen leidet am Leben und verabschiedet sich daraus. Und auch die Jugendliche in „Baba“ der Tschechin Zuzana Kirchnerova denkt daran, einem Leben ein Ende zu setzen: Widerwillig, hin- und her gerissen zwischen Hass und Mitleid pflegt sie die todkranke Grossmutter, die ihr ständig den unabdingbaren Verfall vor Augen führt.

Am radikalsten aber zeigte wohl Paul Wright in „Believe“ die Hilflosigkeit des Menschen im Angesicht des Todes. Um seiner toten Partnerin nahe zu sein, trägt ein Mann ihre Kleider, isst ihre Asche - unendliche Verzweiflung, vom Schauspieler Michael Smiley meisterhaft dargestellt. Britische Filme, darunter auch dieser, waren im Internationalen Wettbewerb in der Überzahl, und weit mehr als ein Drittel stammte aus englischsprachigen Ländern.

Hingegen gab es erstaunlicherweise nur einen Film aus Skandinavien zu sehen, und auch niederländische Produktionen (in früheren Jahren oft mit herausragenden Filmen vertreten) suchte man vergebens. Dafür widmeten sich zwei Kurzfilmblöcke dem baskischen Filmschaffen. Da war eine grosse Bandbreite an Genres und Tonarten zu beobachten: von witzigen Filmen, bei denen einem das Lachen im Hals stecken bleibt, über nachdenkliche bis zu blutrünstig-absurden Splatterfilmen.

Neben „Fokus Baskenland“, „Ufmüpferli“ und „Fanatiker“ wurde noch eine ganze Reihe weiterer Spezialprogramme angeboten – entsprechend schwer fiel die Auswahl dieses Jahr. Nicht nur die Programmvielfalt, auch die Zuschauerzahlen haben im Laufe der Jahre zugenommen. Darauf hat nun das Organisationskomitée erfreulicherweise reagiert: Dieses Jahr fanden Vorstellungen im Theater Winterthur statt – da brauchte niemand mehr um einen Sitzplatz zu bangen; selbst in den meistbesuchten Abendvorstellungen am Freitag- und Samstagabend.
(Andrea Lüthi)

PreisträgerInnen

Grosser Preis
PLEASE SAY SOMETHING von David OReilly

Bester Schweizer Film
ICH BIN’S HELMUT von Nicolas Steiner

Förderpreis
Paul Wright für BELIEVE

Publikumspreis
WAGAH von Supriyo Sen

Kamerapreis
Lorenz Merz für seine Kameraarbeit im Film SCHONZEIT von Irene Ledermann

Bester Schweizer Schulfilm
CHRIGI von Anja Kofmel