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Bericht vom 31. Filmfestival Havanna. Von Geri Krebs

Am vergangenen Samstag, 12.12., ging in Havannas grösstem Festsaal, dem Karl-Marx-Theater, das Festival Internacional del Nuevo Cine Latinoamericano zu Ende. Die 31. Ausgabe des traditionsreichen Anlasses war mit zehn Tagen Dauer um einen Tag kürzer als in den vergangenen Jahren, und sie war durch ein beachtlich hohes Niveau bei den lateinamerikanischen Filmen im Wettbewerb gekennzeichnet. Die Hauptpreise gingen an Filme aus Peru, Chile und Argentinien, kubanische Filme gingen dagegen weit gehend leer aus.

Es schien ein wenig wie eine Trotzreaktion, als am vorletzten Tag des Filmfestivals gleich vier verschiedene einheimische Jurys den kubanischen Wettbewerbsfilm „El premio flaco“ mit den so genannten „Premios colaterales“ auszeichneten. Regisseur Juan Carlos Cremata lächelte gequält, als er erfuhr, dass er darüber hinaus auch in der Publikumsgunst an zweiter Stelle stand - denn andererseits wusste er zu jenem Zeitpunkt bereits, dass die internationale Jury – die von der Brasilianerin Lucia Murat präsidiert wurde – seinen Film in keiner der zahlreichen Kategorien berücksichtigt hatte."El premio flaco", den Juan Carlos Cremata zusammen mit seiner Mutter, der Choreographin und Theaterpädagogin Iraida Malberti, realisiert hat, beruht auf dem gleichnamigen Theaterstück des kubanischen Autors Hector Quintero. Das Stück aus den 1970ern ist im Jahr 1958 angesiedelt und gehört zu den häufig gespielten Klassikern des kubanischen Theaters.

Ein kubanischer Almodóvar

Im Mittelpunkt steht die dreifache Mutter und Witwe Iluminada, die mit ihren Kindern in einer Bretterhütte in einem Slum des vorrevolutionären Havanna haust. Als die sehr korpulente Frau eines Tages in einer Lotterie ein Einfamilienhaus in einem gehobenen Wohnviertel gewinnt, scheint sie mit einem Schlag auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen. Doch der Lottogewinn erweist sich als Lug und Trug, was die mit einem überschäumenden Temperament gesegnete Frau zu berserkerhaften Ausbrüchen veranlasst, die das Tragikomische auf die Spitze treiben.
In seinem Bemühen nahe am Originaltext zu bleiben, ohne dabei verfilmtes Theater auf die Leinwand zu bringen, lehnt sich Juan Carlos Cremata in seinem von einem starken Schauspielerensemble getragenen Film – allen voran die weit gehend unbekannte Rosa Vasconcelos als Iluminada – ästhetisch und dramaturgisch nahe am Universum des Pedro Almodóvar der mittleren Schaffensperiode an. So lässt sich „El premio flaco“ in seiner Zelebrierung des „choteo“, der urkubanischen Eigenschaften der Liebe zum Spektakel, dem Nichts-Ernst-Nehmen in noch so tragischen Situationen, als eine karibische Version von „Frauen am Rande des Nervenzusaammenbruchs“ charakterisieren.

Abrechnung mit Bürokratie und revolutionärem Dogmatismus

Ein weiterer Film mit einem Thema aus einer vergangenen Epoche mit einer starken Frauenfigur im Zentrum war schliesslich auch der zweite kubanische Wettbewerbsbeitrag, „Lisanka“, von Altmeister Daniel Díaz Torres. Der einst durch „Alicia en el pueblo de Maravillas“ weltweit bekannt gewordene Regisseur fabuliert hier, ähnlich wie in jenem „Skandalfilm“ aus dem Jahr 1991, eine barock ausufernde Geschichte, bei der Bürokratie und revolutionärer Dogmatismus so Einiges an Fett abbekommen – ohne allerdings den ätzenden Spott von „Alicia ...“ zu erreichen. Angesiedelt im Jahr 1962, zur Zeit der Krise um die sowjetischen Atomraketen auf Kuba, erzählt „Lisanka“ von der gleichnamigen jungen Landarbeiterin, die sich in den Kopf gesetzt hat, als Traktorfahrerin Erfolg zu haben, und die dabei zwei jungen Kubanern wie auch einem Polit-Offizier aus dem grossen sowjetischen Bruderland den Kopf verdreht. Die 21 jährige Kunstschulabsolventin Mireylis Ceja, die hier in ihrer ersten Filmrolle zu sehen ist, verkörpert die Figur der eigensinnigen Lisanka mit Bravour, in einem Film, der die Banalität menschlicher Eitelkeiten mit jenem Moment kontrastiert, da die Welt am Abgrund eines Atomkrieges stand. In der Publikumsgunst stand auch „Lisanka“ weit oben, der Film erreichte Platz drei bei den mittels Evaluationszetteln minutiös – minutiöser als in allen Vorjahren - bei jeder Filmvorführung ermittelten Zuschauerabstimmungen.

Spannendes Erzählkino auf höchstem ästhetischen Niveau

Den ersten Platz erreichte dabei aber schliesslich ein Film, der durch die Verleihung des Spezialpreises der internationalen Jury auch mit den Lorbeeren der Fachwelt gekrönt wurde, und den man ohne Übertreibung als eines der Highlights des diesjährigen Festivals bezeichnen kann.
Die Rede ist von „El secreto de sus ojos“ des Argentiniers Juan José Campanella. Bei seiner internationalen Premiere im Wettbewerb von San Sebastián vor drei Monaten war der Film völlig leer ausgegangen, was damals weit herum für Kopfschüttteln gesorgt hatte. So waren nun in Havanna der Spezialpreis der Jury, sowie die Auszeichnung von Hauptdarsteller Ricardo Darín als bestem Schauspieler und der Preis für die beste Regie durchaus verdient. Der hervorragend erzählte Thriller um einen pensionierten Untersuchungsrichter, der nach dreissig Jahren einen ungelösten Kriminalfall aus der Zeit kurz vor der Militärdiktatur neu aufrollt, ist spannendes Erzählkino voller Geheimnisse und Mysterien auf höchstem ästhetischem Niveau. Er begeisterte bereits am Eröffnungsabend des Filmfestivals, und in den letzten Festivaltagen sorgten die Wiederholungen vor den Kinoeingängen zu tumultartigen Szenen, wie sie sie sonst in diesem Jahr an diesem grossen Publikumsfestival bei keinem anderen Film zu beobachten waren.
Mit der Auszeichnung von „La teta asustada“ aus Peru und „La nana“ aus Chile mit den beiden Hauptpreisen wurden schliesslich zwei Filme prämiert, die in diesem zu Ende gehenden Jahr bereits an zahlreichen anderen Festivals reüssiert hatten.
(Geri Krebs)

Links: www.habanafilmfestival.com