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Abschlussbericht und Preise des 14th Zurich Film Festival. Von Irene Genhart

Abschlussbericht und Preise des 14th Zurich Film Festival. Von Irene Genhart

Zum Schluss kam zum Glück Wim Wenders
Ein Tag nach der Verleihung der „Goldenen Auge“ ist das 14th Zurich Film Festival am 7.10.18 zu Ende gegangen. Überraschungen gab es dieses Jahr keine. Am ersten Wochenende wurde viel Tamtam gemacht um die Premiere von Michael Steiners (tatsächlich grossartig geglücktem) „Wolkenbruch“, gegen Festivalende redete man einen Hype herbei um Johnny Depp, der angereist war zur Weltpremiere von Wayne Roberts „Richard Says Goodbye“. Den klügsten Auftritt aber bescherte dem Festival Wim Wenders, der während der abschliessenden der Preisverleihung am Samstagabend einen „A Tribute to…“-Award in Empfang nehmen durfte und dabei einige Worte über die Filmkunst verlor, die eigentlich eine Kinokunst sein sollte.

Und dann, Freitag der 5.10.18 war es, kam Johnny Depp ans Zurich Film Festival und es war alles, alles gut. Denn Depp, den wohl jeder, der die letzten 15 Jahre dem Kino nicht fern stand als exzentrischen Piratenkapitän Jack Sparrow kennt, hat schon davor einige grossartige Rollen gespielt und er überzeugt – bis auf einige wenige Momente, in denen Jack Sparrow durchschimmert – als todkranker Literaturprofessor nun auch in „Richard Says Goodbye“. Dieser Johnny Depp nun also kam und die Fans standen sich auf dem Sechseläutenplatz bereits die Füsse in den Bauch, als er am Nachmittag im Filmpodium einigen Auserwählten Rede und Antwort stand. In Erwartung der auf 20.30h angesetzten Weltpremiere von „Richard Says Goodbyes“ standen, bewacht von Polizei und Security, die Fans zahlreicher geworden, am frühen Abend noch immer auf dem Sechseläutenplatz. Und derweil man für Depp den Teppich noch etwas mehr ausrollte, wurden in den ZFF-Kinos Filme gezeigt. Filme, mit Johnny Depp nichts oder nur wenig zu tun haben; gleichwohl schafften es sowohl Max Loong bei der Anmoderation von „Juliet, Naked“ (Jesse Perez), wie auch die Moderatorin, welche die Aufführung von „L’homme fidèle“ (Louis Garrel) im Arthouse Le Paris ankündigte, Johnny Depps Anwesenheit gross herauszustreichen; letztere verstieg sich gar zur neckischen Bemerkung, dass – wo in Garrels Film doch Lily-Rose Depp mitspielt – es ihr Papa vielleicht nicht nehmen lasse sich heimlich in den Saal zu stehlen um zu schauen, wie sich sein Töchterchen in seiner ersten grösseren Rolle so schlage.

„Hä?“, hat man gedacht. Papa Depp muss doch jetzt auf den Teppich und wenn er ein nur einigermassen guter Vater ist, hat er mit Lily-Rose über die Rolle mal gesprochen, war vielleicht bei einer Preview oder der Premiere am Toronto-Festival… Überhaupt hat man ein bisschen sinniert, was die Moderatorinnen und Moderatoren vor den Filmen so sagen. Etwa, dass, wenn sie wie Max Loong, vor „Juliet, Naked" keinen der am Film Beteiligten vorzustellen haben, sie darauf verweisen, wann einer von diesen – hier war es Ethan Hawke – eben doch auch schon mal am ZFF war; die Nick Hornby-Verfilmung, notabene, ist kurzweilig lustig und feinfühlig; Ethan Hawke ist gmögig als ausgebuffter Rocker und Rose Byrne in der Rolle einer bieder-braven Engländerin, die in der Begegnung mit diesem unverhofft erblüht, ist absolut liebenswert. „L’homme fidèle“ dann entpuppte sich als bizarre Geschichte um einen Mann, der sich von seiner grossen Liebe und der kleinen Schwester seines besten Freundes lammbrav durch sein Liebesleben schubsen lässt. Solche Männer braucht die Welt eigentlich nicht, obwohl dieser hier von Louis Garrel gespielt sehr hübsch ist, seine grosse Liebe spielte Laetitia Casta. Rose-Lily Depp gab sich Mühe, vor allem aber ist sie hübsch.

„Richard Says Goodbye“ wie auch „L’homme fidèle“ liefen am ZFF als „Gala-Premieren“, die zusammen mit den „Special Screenings“ die Sektionen sind, auf welche die Festival-Leiter Nadja Schildknecht und Karl Spoerri besonders stolz zu sein scheinen. Tatsächlich bekommt man in den beiden Programmen sozusagen „alle“ Filme zu sehen, die demnächst im Kino starten und als Anwärter für die nächste Award-Nominationen gelten und eigentlich ist es schon fast rührend, wie am ZFF Hollywood scharwänzelt wird. Und pragmatisch gesehen, ist es wohl tatsächlich so: Wer sich am ZFF Zeit nimmt und einige Tickets für die Gala-Premieren ergattert, kann sich in den nächsten Wochen getrost anderen Dingen zuwenden und wird garantiert mitreden können, wenn es Anfang nächsten Jahres um die Oscars geht.

Tatsächlich nun aber ist das ZFF ein Filmfestival mit drei Wettbewerben: „Internationaler Spielfilm“, „Internationale Dokumentarfilm“, „Fokus Schweiz, Deutschland Österreich“. in denen je ein „Goldenes Augen“ verliehen wird. Sie sind dotiert mit zweimal 25‘000, bzw. einmal 20‘000 CHF und gingen an: „Girl“ von Lukas Dhont, „Heartbound“ von Janus Metz und Sine Plambech, „L’animale“ von Katharina Mückstein. Verdient sind diese Preise allesamt. Doch kein einziger der drei Gewinnerfilme hat am ZFF seine Weltpremiere gefeiert. Das gilt übrigens auch für die Filme, welche die Preise der Nebenjurys abholten: Daniel Zimmermanns „Walden“ (Schweizer Förderpreis), Ismet Sijarinas „Cold November“ (Publikumspreis) und „The Guilty“ von Gustav Möller (Kritikerpreis SVFJ). Das ist – und daran vermögen alle nach Zürich gereisten Stars und Regisseure – nebst Johnny Depp waren es dieses Jahr unter anderen Judi Dench, Natalie Dormer, Dev Patel, Jennifer Fox, Donald Sutherland, John C. Reilly, Sebastian Koch – nichts schönzureden, für das ZFF kein gutes Zeichen. Denn die grossen Festivals misst man nicht (nur) an der Dichte von Stars und Promis, sondern an ihrer Entdeckerfreude und ihrem Wagemut. Daran, welche aufregenden neuen Darsteller, Regisseure und Werke sie in Weltpremiere vorführen. Ausgerechnet auf dieser Ebene spielt das ZFF bedauerlicherweise (noch) nicht mit. Dabei kommt das ZFF als Festival durchaus prächtig daher. Es verfügt mit über 7 Millionen Schweizer Franken über ein ansehnliches Budget – und die Award Nacht, die seit einigen Jahren im Opernhaus über die Bühne geht, gehört zu den kurzweiligeren ihrer Art. Es war auch dieses Jahr – ein mit musikalischen Intermezzi angereicherter, angenehmer Anlass. Dieser erreichte seinen krönenden Abschluss mit Wim Wenders, der den ganzen Abend direkt vor der Bühne sitzend zum Schluss einen „A Tribute To…“ Award bekam und nach der Laudatio kurz ins Sinnieren kam. Darüber, dass ein „Auge“ als Preis für ein Filmfestival herrlich symbolhaft sei, weil der Film als Kunstwerk sich immer erst manifestiere, wenn man ihn anschaue. In kurzer Replik auf die zu Beginn des Abends gefallene Bemerkung, dass die Kino-Eintritte sich im Sturzflug befänden, die Säle am ZFF aber immer voll seien, nannte Wenders den Preis um in „A Tribut to the Cinema“ und rief Netflix, Amazone als derzeit grösste und innovativste Player auf dem globalen Markt dazu auf, ihre Werke doch auch in den Kinos zu zeigen. Das hat Wenders, der sich seit seinen frühesten Filmen nicht nur als begnadeter Geschichtenerzähler und grosser Ästhet, sondern immer auch als grosser Denker erweist, klug gesagt und dem ZFF, das dieses Jahr einige seiner Filme wiederaufführte, abschliessend ein goldenes Häubchen aufgesetzt.
(Irene Genhart)

zff.com

Preise

Bester Film Intl. Spielfilmwettbewerb GIRL
BE/NE, Regie: Lukas Dhont
Besondere Erwähnung SHÉHÉRAZADE
FR, Regie: Jean-Bernard Marlin
Bester Film Intl. Dokumentarfilmwettbewerb HEARTBOUND (HJERTELANDET)
DK/SE/NE, Regie: Janus Metz und Sine Plambech
Besondere Erwähnung MINDING THE GAP
US, Regie: Bing Liu
Bester Film Fokus: Schweiz, Deutschland, Österreich L’ANIMALE
AT, Regie: Katharina Mückstein
Besondere Erwähnung DER LÄUFER
CH, Regie: Hannes Baumgartner
Besondere Erwähnung WELCOME TO SODOM
AT, Regie: Florian Weigensamer und Christian Krönes
Schweizer Förderpreis WALDEN
CH, Regie: Daniel Zimmermann
Kritikerpreis des SVFJ THE GUILTY (DEN SKYLDIGE)
DK, Regie: Gustav Möller
Publikumspreis COLD NOVEMBER (NËNTOR I FTOHTË)
XK/AL/MK, Regie: Ismet Sijarina
Preis der Kinderjury LOS BANDO
NO/SE, Regie: Christian Lo
Treatment Award Maurizius Staerkle Drux und Lenz Baumann
für das Projekt C.O.D.A. – CHILD OF DEAF ADULTS
Ökumenischer Filmpreis WELCOME TO SODOM
AT, Regie: Florian Weigensamer und Christian Krönes
   

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