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67. Festival de Cannes: Rückschau und Palmarès. Von Doris Senn

67. Festival de Cannes: Rückschau und Palmarès. Von Doris Senn

Es war ein Festival der wohldosierten Skandale – mit einem soliden Wettbewerb und einem überraschenden Finale.

Das 67. Filmfestival von Cannes ist Vergangenheit. Der Palmarès unter der Jurypräsidentin Jane Campion – der ersten und bislang einzigen Frau, die in Cannes mit einer Goldenen Palme geehrt wurde ("The Piano", 1993) – wartete mit ein paar eigenwilligen Entscheidungen auf, machte aber auch vieles richtig. Doch der Reihe nach.

Welcome to the Scandal!
Kaum war der skandalträchtige Eröffnungsfilm "Grace of Monaco" einhellig von der Kritik versenkt worden, stand schon der nächste Eclat parat: «Welcome to New York», die Verfilmung der Sexaffäre um DSK (Dominique Strauss-Kahn, damals Direktor des IWF und angehender Präsident Frankreichs) mit (ebenfalls Skandalfigur:) Gérard Depardieu in der Hauptrolle. Der Film war von der Festivalleitung abgelehnt worden – der (pornografischen) ersten halben Stunde wegen und weil er unfertig wirke. Beides stimmt: Der Film unter der Regie des Underground-Regisseurs Abel Ferrara zeigt erst einen kurzatmigen Depardieu während einer Sexparty in seinem New Yorker Hotel – am Morgen danach dann den sexuellen Übergriff gegenüber dem Zimmermädchen. Es folgen die Verhaftung – die Kamera zeigt Depardieu in schonungsloser Nacktheit – und DSK samt Gattin sich streitend im New Yorker Hausarrest, um dann abzubrechen. Der Produzent Wild Bunch (nomen est omen) wusste die Vorführung des Films am Rand des Festivals perfekt zu orchestrieren – und Ferrara, Depardieu und Jacqueline Bisset machten einen guerrillamässigen, nicht unsympathischen Auftritt im kleinen Kinosaal. Wenige Stunden später war der Film dann als Video on Demand online zu sehen (eine Kinokarriere wird nicht angepeilt) und wurde gemäss Wild Bunch innert weniger Tage mehr als 50 000-mal heruntergeladen. DSK will – so die "latest news" und im Gegensatz zu seiner Ex-Frau – Klage gegen den Film anstrengen.

Godard – in 3-D und mit Star Roxy
Seine grössten Skandale hat Jean-Luc Godard zwar hinter sich – und doch sorgte sein Beitrag im Wettbewerb für viel Gesprächsstoff. Sein 39. Werk, "Adieu au langage", ist ein Godard nach allen Regeln der Kunst: kryptisch, voller Aphorismen und altbekannter Versatzstücke inklusive wilder Bildcollage: Bild-im-Bild-Zitate aus Filmklassikern, Blumen und Herbstblätter in saturierten Farben, Bilder von Rolle, dem Wohnort des Regisseurs, und immer wieder der Genfersee-Raddampfer. Doch zwei Dinge geben dem enigmatischen Filmessay einen leichtfüssigen Dreh: zum einen, dass Godard augenscheinlich amüsiert mit 3-D filmt – und dabei mitunter den Flip-Flop-Effekt nutzt (mit dem linken Auge sieht man ein anderes Bild als mit dem rechten). Zum andern, indem Godard seinen geliebten Hund zum neuen Star und eigentlichen Alter Ego avancieren liess: Immer wieder sehen wir "Roxy Miéville", wie sein Liebling heisst, wie er sich im Schnee suhlt, auf dem Sofa schläft oder mit grossen, weisen Augen in die Welt schaut …

Ein solider Wettbewerb – nicht frei von Enttäuschungen
Weitere illustere Namen im mit 18 Titeln bestückten Wettbewerb sorgten für hohe Erwartungen – die nicht alle erfüllt wurden. Darunter etwa Atom Egoyan, der mit "Captives" einen über lange Strecken eindringlichen Thriller um eine Kindsentführung schafft, um dann aber in eine (allzu) simple "Lösung" mit zuckrigem Happy-End einzuschwenken. Die Dardenne-Brüder inszenierten ein etwas oberflächliches Sozialdrama um eine Fabrikarbeiterin, die im Lauf eines Wochenendes ihre Kolleg/innen davon zu überzeugen sucht, auf ihren Bonus zu verzichten, damit sie im Gegenzug ihren Job behalten kann. Die belgischen Brüder liebäugelten bereits mit der dritten (!) Palme für ihren "Deux jours, une nuit". Vergeblich. Und auch Ken Loachs neuster Streich – ein Historiendrama um einen irischen Freiheitskämpfer wider Willen –, "Jimmy's Hall", ist zwar solide, aber auch nicht mehr.

Nicht einmal das war Naomi Kawases kitschige Liebesgeschichte "Still Water", in dem sie ein jugendliches Liebespaar vor dem schwierigen Familienhintergrund beider inszeniert. Und Michel Hazanavicius ("The Artist") scheitert mit "The Search" und seinem Versuch, an Fred Zinnemanns gleichnamiges Flüchtlingsdrama aus dem Jahr 1948 anzuknüpfen – nicht nur, weil er mit seinem doppelten Erzählstrang Kriegsfilm/Flüchtlingsdrama dramaturgisch das Werk überlädt, sondern auch weil die beiden Darstellerinnen Bérénice Béjo (Hacavinius' Ehefrau) und die mehrfach Oscar-nominierte Annette Bening als gönnerhafte Vertreterinnen von Menschenrechtsorganisationen völlig fehl am Platz wirken. Last, but not least begeht Tommy Lee Jones mit seinem "Western" à la feminine, "The Homesman", eine dramaturgische Todsünde, lässt er doch nach fast zwei Stunden durchaus einnehmendem Plot, in dem Frauen (und insbesondere Hilary Swank) die Hauptrolle spielen, die Protagonistin Selbstmord begehen, um ihren unscheinbaren Begleiter (Tommy Lee Jones himself) allein ins glorreiche Finale gehen zu lassen. Schade.

Palmarès mit Überraschungen
Die Jury mit unter anderem Sofia Coppola, Willem Defoe und Gael Garcia Bernal sorgte für ein paar Überraschungen bei der Preisvergabe. Die höchste der Auszeichnungen, die Goldene Palme, vergab die Jury an den dreieinviertelstündigen "Winter Sleep" des türkischen Regisseurs Nuri Bilge Ceylan, der mit dem Gesprächsreigen, in dessen Zentrum ein alternder Schauspieler und Hotelbesitzer in Kappadokien steht, formal und inhaltlich an "One Upon a Time in Anatolia" anschloss – ohne den Tiefgang, den subtilen Humor und die Perfektion des Vorläufers zu erreichen. Den Grossen Preis der Jury erhielt die junge italienische Filmemacherin Alice Rohrwacher mit ihrem skurrilen Familiendrama "Le maraviglie". Darin zeichnet sie zwar mit sicherer Hand die magische Welt von vier Töchtern einer Aussteigerfamilie, die in Umbrien Bienen züchtet. Doch irgendwie wollen die verschiedenen Erzählfäden sich nicht zu einer stimmigen Geschichte verweben und das Ganze zerfällt. Dass sie trotzdem eine (grosse) Auszeichnung erhält, darf wohl nicht zuletzt als symbolisches Zeichen gegenüber der (Alt-)Männerbastion Cannes interpretiert werden, indem die Jury sich der Nachwuchsgeneration und dabei insbesondere einer Frau mit Potenzial zuwendet.

Eindringliches Psychodrama: "Foxcatcher"
Die Auszeichnung für die beste Regie erhielt Bennett Miller ("Capote") für seinen herausragenden "Foxcatcher" – dem US-Drama um die beiden Wrestling-Olympiasieger aus den 80ern, Mark und Dave Schultz. Diese wurden zu Opfern des Oligarchen Du Pont, der mit seinem Erwartungs- und Erfolgsdruck erst Mark an den Rand des Zusammenbruchs brachte, um dann dessen Bruder Dave aus Eifersucht umzubringen. Ein eindrückliches Psychodrama, perfekt konstruiert und mit brillanten Schauspielerleistungen der drei Protagonisten Channing Tatum, Mark Ruffalo und Steve Carrell.

Als beste Schauspielerin wurde Julianne Moore in David Cronenbergs leider nicht ganz so gelungenen Persiflage auf das "inzestuöse" System Hollywoods, "Maps to the Stars" geehrt – und als bester Schauspieler Timothy Spall als Maler J. M. W. Turner in Mike Leighs Meisterwerk "Mr. Turner". Das Porträt der rund letzten 20 Jahre jenes grossen Malers der Romantik, der seiner Zeit nicht nur mit seiner Begeisterung für die Innovationen der Moderne weit voraus war, sondern auch mit seiner avantgardistischen, zunehmend abstrakten Malerei findet in Leighs eindrücklichem Biopic eine eindrückliche Umsetzung. Spall, der mit "Mr. Turner" bereits seinen siebten Film mit Leigh drehte, macht dessen akkurat recherchiertes und episch erzähltes Porträt zu einem grossartigen Filmerlebnis.

Ex-aequo-Jury-Preis für Jean-Luc Godard und Xavier Dolan
Nach Rohrwachers Auszeichnung haftet auch der Ex-aequo-Verleihung des Jury-Preises an den jüngsten und ältesten Teilnehmer des Wettbewerbs viel Symbolik an: Nicht nur zollte man so dem 83-jährigen Godard – der bereits im Voraus angekündigt hatte, dass er weder nach Cannes kommen noch irgendwelche Preise erhalten möchte – und seinem ungebrochen polemischen und bilderstürmerischen Talent dieses Filmrevolutionärs Tribut (Godard hatte trotz unzähliger Filme in Cannes, dort noch nie einen Preis erhalten). Auch Xavier Dolan – dieses Wunderkind des Films, der mit seinem fünften Film, "Mommy", bereits zum vierten Mal in Cannes ist – überzeugte mit seinem explosiven Mutter-Sohn-Drama. Dolan ist mit seinen 25 Jahren übrigens auch jüngste je in Cannes ausgezeichnete Regisseur.

Der grosse "Verlierer": "Timbuktu"
In dieser eigenwilligen, aber durchaus pointierten Preisvergabe vermisste man einzig einen Titel: "Timbuktu" von Abderrahmane Sissako. Handelte sein letzter Film, "Bamako", vom fiktiven Prozess, den ein gebeuteltes Afrika gegen die Weltbank anstrengte – nahm sich sein jüngster Film, "Timbuktu", einem nicht minder komplexen Thema an: des Eindringens von Jihad-Milizen in afrikanischen Ländern. Ausgehend von einem Fait divers in Nordmali, wonach ein Paar, das zwei Kinder hatte und dessen einzige Schuld darin bestand, nicht verheiratet zu sein, zum Tod durch Steinigung verurteilt wurde, erzählt "Timbuktu" in Cinemascope-Bildern von einem landschaftlich beeindruckenden Afrika und Menschen in einem respektvollen Miteinander leben – wären da nicht die islamistischen Eindringlinge, die mit allen Mitteln versuchen, das Volk unter ihre lebensfeindlichen Gesetze und die Scharia zu zwingen. Diesem mutigen Statement in einem ungemein brisanten Konflikt hätte man gerne eine Würdigung im Rahmen der Preisehrungen gegönnt.
(Doris Senn)

Preise

Goldene Palme WINTER SLEEP, Regie: Nuri Bilge CEYLAN
Grosser Preis LE MERAVIGLIE (THE WONDERS), Regie: Alice ROHRWACHER
Beste Regie Bennett MILLER für FOXCATCHER
Bestes Drehbuch Andrey ZVYAGINTSEV und Oleg NEGIN für LEVIATHAN
Beste Schauspielerin Julianne MOORE in MAPS TO THE STARS, Regie: David CRONENBERG
Bester Schauspieler Timothy SPALL in MR. TURNER, Regie: Mike LEIGH
Preis der Jury MOMMY, Regie: Xavier DOLAN
ADIEU AU LANGAGE (GOODBYE TO LANGUAGE), Regie: Jean-Luc GODARD
   
Kurzfilme  
Goldene Palme LEIDI, Regie: Simón MESA SOTO
Spezielle Auszeichnungen AÏSSA, Regie: Clément TREHIN-LALANNE
JA VI ELSKER (YES WE LOVE), Regie: Hallvar WITZØ