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62. Filmfestival Locarno – Mäßiges Piazzaprogramm, durchschnittlicher Wettbewerb. Von Walter Gasperi

62. Filmfestival Locarno – Mäßiges Piazzaprogramm, durchschnittlicher Wettbewerb. Von Walter Gasperi

Das Wetter meinte es gut mit dem 62. Filmfestival von Locarno. Nur zweimal störten Gewitter die Abendvorstellungen auf der Piazza Grande. Das Programm aber ließ zu wünschen übrig. Verständlich ist der Wunsch, dass man Weltpremieren bieten will. Ob dies allerdings auf Gedeih und Verderben gemacht werden muss, auch wenn die Qualität der Filme keineswegs piazzatauglich ist, muss man schon hinterfragen. „(500) Days of Summer“ brachte ja einen schönen Start des Festivals, holprig ging es dann aber mit dem Nazidrama „Unter Bauern – Retter in der Nacht“ weiter und der Tiefpunkt wurde mit dem im doppelten Sinne gruseligen „La valle delle ombre“ erreicht, den wohl nur die Tatsache, dass er im Tessin gedreht wurde, auf die Piazza brachte. Auch Marc Rechas Sozialdrama „Petit Indi“, in dem von einem Jungen in der tristen Vorstadt von Barcelona erzählt wird, hat kaum Piazza-Qualitäten und wenig Spannung, dafür umso mehr Kopfsausen kam beim Manga „Redline“ auf, der mit seinen übervollen Bildern, seinem atemlosen Tempo und permanenter Action wie die Potenzierung eines US-Actionkrachers wirkte. Detlev Bucks „Same Same But Different“, in dem es um die Liebe zwischen einem jungen Deutschen und einer HIV-positiven kambodschanischen Prostituierten geht, konnte man anschauen, aber vom Stuhl riss einem dieser Film auch nicht. Mit Wehmut erinnert man sich da an die Zeiten, als David Streiff das Festival leitete, und – kaum Weltpremieren, sondern Hits von anderen Festivals – Filme wie Carlos Sauras „Carmen“ oder Daniel Schmids „Il bacio di Tosca“ das Publikum zu Szenenapplaus hinriss.

Glücklich konnte einen eine Woche lang auch der Wettbewerb nicht machen. In den letzten Tagen legte diese Programmschiene dann aber doch noch kräftig zu. Mit „Summer Wars“ gab es da einen nicht nur mitreissenden, sondern auch inhaltlich vielschichtigen japanischen Animationsfilm zu sehen. Souverän verknüpft Mamoro Hosoda eine Familiengeschichte, deren zahlreiche Mitglieder prägnant charakterisiert werden, mit einer virtuellen Computerwelt, aus der eine Attacke auf das wirkliche Leben und die Welt erfolgt. Das sprüht nicht nur vor visuellem Einfallsreichtum, sondern bietet in seiner komplexen, aber immer übersichtlichen Handlung, bei der rasante Action geschickt mit gefühlvollen Szenen gemischt werden, auch perfekte und gehaltvolle Unterhaltung.

Mit dem Goldenen Leoparden wurde aber die britisch-deutsch-französische Koproduktion „She, a Chinese“ von Xiaolu Guo ausgezeichnet. Ungemein frisch, fast dokumentarisch und improvisiert wirkt dieser Film, in dem Guo in 15 Kapiteln den Weg einer jungen Chinesin schildert, die auf der Suche nach dem Glück aus der tristen Provinz in eine boomende Grossstadt und dann weiter nach London kommt. Zahlreiche Probleme werden angesprochen, nichts wirklich ausformuliert. Leicht könnte das stören, wirkt aber hier im bewusst Skizzenhaften, das durch die Gliederung in mit originellen Titeln versehene Kapitel verstärkt wird, überzeugend und packend.

Ein starkes Debüt gelang der polnischstämmigen Urszula Antoniak, die in „Nothing Personal“ reduziert und einfach von einer jungen Frau erzählt, die nach dem Ende einer Beziehung ihre Heimat verlässt und auf der Suche nach Einsamkeit und Stille durch Irland trampt, bis sie sich im abgelegenen Haus eines verwitweten Bauern einquartiert. Keine persönlichen Fragen werden sie sich gegenseitig stellen, und dennoch ganz langsam und leise einander näher kommen. Brillant eingebettet in die irische Landschaft, die als Resonanzboden für die Befindlichkeit der Figuren fungiert, entwickelt der dialogarme Film große innere Spannung und reflektiert eindringlich über Schmerz und dessen Verarbeitung, die Notwendigkeit von Einsamkeit, aber auch das Verlangen nach und das Glück von menschlicher Nähe und Kommunikation. In Locarno wurde „Nothing Personal“ dafür nicht nur als bestes Erstlingswerk und mit dem Darstellerpreis für Lotte Verbeek, sondern auch von mehreren unabhängigen Jurys (FIPRESCI, Preis Art & Essai CICAE, Jugendjury) ausgezeichnet.
(Walter Gasperi)

Official Awards 2009

Golden Leopard
SHE, A CHINESE by Xiaolu GUO, United Kingdom/Germany/France

Special Jury Prize
BUBEN.BARABAN by Alexei Mizgirev, Russia

Best Director
BUBEN.BARABAN by Alexei Mizgirev, Russia

Leopard for Best Actress
Lotte Verbeek in NOTHING PERSONAL by Urszula Antoniak, Netherlands/Ireland

Leopard for Best Actor
Antonis Kafetzopoulos in AKADIMIA PLATONOS by Filippos Tsitos, Greece/Germany

Golden Leopard – Filmmakers of the Present Competition City of Locarno
THE ANCHORAGE by C.W. Winter and Anderson Edstöm, United States/Sweden

CinéCinéma Special Jury Prize / Filmmakers of the Present Competition
PIOMBO FUSO by Stefano Savona, Italy

Leopard for the Best First Feature
NOTHING PERSONAL by Urszula Antoniak, Netherlands/Ireland

Short films

Golden Leopard – SRG SSR idée suisse Prize for the International Leopard of Tomorrow Competition
BELIEVE by Paul Wright, United Kingdom (Scotland)

Silver Leopard – Kodak Prize for the International Leopard of Tomorrow
VARIACIOK by Krisztina Esztergályos, Hungary

Golden Leopard – George Foundation Prize for the Leopards of Tomorrow National Competition
LAS PELOTAS by Chris Niemeyer, Switzerland

Silver Leopard – Kodak Prize for the Leopards of Tomorrow National Competition
NACHTSPAZIERGANG by Christof Wagner, Switzerland

Prix du Public UBS – Audience Award
GIULIAS VERSCHWINDEN by Christoph Schaub, Switzerland

Variety Piazza Grande Award
SAME SAME BUT DIFFERENT by Detlev Buck, Germany

Weitere Preise

Prix Netpac verleiht ihren Preis an:
SHAM MOH (AT THE END OF DAYBREAK) von HO Yuhang, Malaysia/Hongkong/Südkorea
Besondere Erwähnung:
YE DIAN (ONE NIGHT IN SUPERMARKET) von YANG Qing, China

Preis FIPRESCI Jury der internationalen Filmkritiker
NOTHING PERSONAL von Urszula Antoniak, Niederlande/Irland

Preis der Oekumenischen Jury
AKADIMIA PLATONOS by Filippos Tsitos, Greece/Germany
Besondere Erwähnung:
NOTHING PERSONAL von Urszula Antoniak, Niederlande

Prix FICC / IFFS verleiht den Don Quijote Preis an:
LA DONATION von Bernard Emond, Kanada

Preis Art & Essai CICAE verleiht den CICAE-Preis an:
NOTHING PERSONAL von Urszula Antoniak, Niederlande

Semaine de la critique verleiht den Preis SRG SSR idée suisse/Semaine de la critique an:
PIANOMANIA von Robert Cibis und Lilian Franck, Österreich