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Messies, ein schönes Chaos

CH 2011, 117 Min., Dialekt, Regie: Ulrich Grossenbacher, Dokumentarfilm

Messies, ein schönes Chaos

DVD - Release: 12.2012

Rezension von Doris Senn

Von fern mag man sie belächeln, doch ist man real mit Messies konfrontiert, beisst man auf Granit. Der Berner Filmemacher Ulrich Grossenbacher ("Hippie Masala") zeichnet ein einfühlsames Porträt von vier Menschen mit Messie-Syndrom. Hinter dem populär gewordenen Ausdruck steht das "zwanghafte Horten" unterschiedlichster Dinge.

So etwa der Bauer Arthur, der auf seinem Anwesen Traktore, Baumaschinen und -utensilien, Autos und Ersatzteile anhäuft. Und das inmitten einer idyllischen Landschaft, was Gemeindebehörde und Wanderer gleichermassen irritiert. Oder Elmira, die auf einem Seedampfer arbeitet, und in Wohnung, Treppenhaus und Estrich Berge von Audiokassetten und Zeitungsartikel zu Kulturthemen stapelt. Und zwar so, dass sie kaum noch zur Spüle in der Küche durchkommt und sogar ihr schmales Bett mit dem Sammelgut teilen muss. Oder Thomas, der fasziniert ist von Maschinen und ihrem Innenleben – und sei es nur ein ausrangierter Billettautomat… Oder dann Karl, der als Requisiteur für Kleintheater arbeitet: Sein Lager an Schrott und Krimskrams füllt bereits vier Scheunen und frisst nun auch zunehmend Platz im Bauernhaus, das er mit seiner Frau Trudy bewohnt.

Sympathische Charaktere
Ulrich Grossenbacher gelingt es, den voyeuristischen Teil klein zu halten und dafür viel Nähe zu seinen Figuren herzustellen, die er drei Jahre lang begleitete. So haftet dem Bauer Santschi auch etwas nachvollziehbar Widerständisches gegen die Konsumwelt an, die immer Neues produziert und Altes – ungeachtet dessen Funktionstüchtigkeit – entsorgt. Oder wer kann die Nöte Elmiras nicht nachvollziehen, die nicht genug Zeit hat, alles, was sie interessiert, zu lesen oder zu hören? Oder Karl, dem es augenscheinlich das Herz bricht, wenn er auch nur einen kleinen Teil seines Materials entsorgen soll: etwa das rostige Klapperradio, das keinen Mucks mehr macht – und das er dann tatsächlich und wider Erwarten zum Laufen bringt, um selig lächelnd zuzuhören, wie aus dem kleinen Rosthaufen ein wunderschönes Canzone ertönt…

Die Machtlosigkeit des Gegenübers
Was die „Messies“ im Film – die sich durchaus selbst so bezeichnen – antreibt, sind die Unfähigkeit, der über sie hereinbrechenden Masse an Dingen und Informationen Herr zu werden, und die Hoffnung, es irgendwann doch noch zu schaffen. Was das Gegenüber oft doppelt machtlos macht: Alle Messies haben für alles und jedes letztendlich eine Verwendung. So beissen sich die mit viel Wohlwollen gerüsteten Kommunalbehörden an Bauer Arthur die Zähne aus – oder Ehefrau Trudy mit ihrem Karl, als sie versucht, das Zusammenleben doch irgendwie noch in den Griff zu bekommen.

Dafür und Dawider
Der ruhige Film – mit der schönen Originalmusik von Resli Burri – bringt uns so nicht nur das Phänomen „Messietum“ näher, sondern hinterlässt auch Fragen wie: Wohin steuert unsere Gesellschaft mit dem ständigen Erneuern von Waren und Information? Und: Sind die „Aussenseiter“ nicht die natürlichen Auswüchse einer modernen Gesellschaft, die an ihrer (Über-)Produktion zu ersticken droht? Für diese Diskussion liefert der Dokfilm von Ulrich Grossenbacher, der in Locarno die „Semaine de la Critique“ gewann und für die Schweizer Filmpreise nominiert ist, eine wunderbare Plattform.
(Doris Senn)

     

Kritiken

National
- Pascal Blum für zueritipp.ch
- Florian Leu für cinemabuch.ch
- Simon Eberhard für outnow.ch
- Stefan Gubser für cineman.ch
- Charles Martig für medientipp.ch
 
Offizielle Website/ Verleiher
www.fairandugly.ch/messies

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