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Elles

FR 2011, 96 Min., F/df, Regie: Malgoska Szumowska, mit Juliette Binoche, Anaïs Demoustier, Joanna Kulig, Jean-Marie Binoche

Elles

DVD - Release: 5.10.2012

Rezension von Walter Gasperi

Eine arrivierte Pariser Journalistin recherchiert über Studentinnen, die sich prostituieren. Malgoska Szumowska entwickelt daraus mit einer grossartigen Juliette Binoche in der Hauptrolle ein kunstvolles Puzzle über Lebenslügen und die Sehnsucht nach einem besseren Leben.

Die Journalistin Anne scheint alles zu haben, was man braucht, um glücklich zu sein: einen Mann, zwei Kinder, der eine etwa 16, der andere um die acht, einen guten Job. Mit den ganz normalen Turbulenzen eines Morgens beginnt der Film: Hektik herrscht in der grossen Stadtwohnung, denn jeder muss schauen, dass er rechtzeitig ins Büro oder in die Schule kommt.

Sex als kühles Geschäft
Anschliessend beginnt für Anne die Arbeit. Momentan heisst das über Studentinnen zu recherchieren, die sich prostituieren. Anne erwartet dabei auf traurige Schicksale zu stossen, trifft aber in Charlotte (Anaïs Demoustier), die sich Lola nennt, und Aliciija (Joanna Kulig) zwei selbstbewusste junge Frauen, die sehr genau wissen, was sie wollen. Während Charlotte aus der französischen Provinz mit der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Paris gekommen ist, migrierte Alicijia aus Polen in den Westen. Mit ihrem Job haben sie kein Problem, bieten nüchtern Sex für Geld und Charlotte stellt fest: „Ein Blow-Job ist immer noch besser als der Geruch von Sozialwohnungen und Acrylpullovern“.

Die Abgeklärtheit der beiden Frauen, die sich ihre Kunden selbst aussuchen, wirft Anne auf sich selbst zurück. So sehr vertieft sie sich in die Story, dass sie über ihr eigenes Leben zu reflektieren beginnt, sich der eigenen Abhängigkeit innerhalb des Magazins, für das sie arbeitet, ebenso bewusst wird wie ihrer verschütteten Begierden. Im etwas zu exzessiven Spiel mit Spiegelbildern und Spiegelungen verdeutlicht Malgoska Szumoska stets neue Annes Identitätskrise. Das scheinbare glückliche bürgerliche Leben erscheint bald schal und leer. Innerlich abwesend träumt sie sich in der schönsten Szene des Films während des Smalltalks bei einem Abendessen mit Bekannten in die Gesellschaft der Freier, von denen Charlotte und Alicija ihr erzählten, und verlässt fluchtartig die Wohnung.

Im Zentrum: Juliette Binoche
Ganz auf Juliette Binoche zugeschnitten hat Malgoska Szumowska ihr Frauendrama. In jedem Blick und jeder Geste spürt man, wie ihre Anne aus der Bahn geworfen wird und in die Krise stürzt. Sie dominiert den Film und hält ihn als dramaturgisches Zentrum zusammen, denn die polnische Regisseurin erzählt nicht linear, sondern puzzleartig. Szenen aus Annes Alltag, Interviews mit den beiden Escort-Damen und die Visualisierung von deren Schilderungen stehen ohne Verbindung nebeneinander. Ausführliche und explizite Sexszenen fehlen dabei nicht, doch Szumowskas Blick ist nie voyeuristisch, sondern deckt nüchtern auch Demütigungen auf.

Offen bleibt auch, ob die Interviews direkt von Anne geführt werden, oder alles nur ihre Erinnerung während ihrer Arbeit am Computer ist. Nur bruchstückhaft entwickelt sich so eine Handlung, mehr angedeutet als ausformuliert wird, wie die Prostitution die familiären Beziehungen der beiden jungen Frauen verändert.

Gerade in dieser Verschränkung der Frauenschicksale entsteht aber ein dichtes Bild von Lebenslügen, Selbsttäuschungen und der stets brennenden Sehnsucht nach einem besseren Leben.
(Walter Gasperi)

Kritiken

National International
- Patrick Heidmann für cineman.ch - Andreas Kilb für faz.net
- Kathrin Halter für zueritipp.ch - Thomas Abeltshauser für welt.de
- Matthias Lerf im Interview mit Juliette Binoche für sontagszeitung.ch - Kathrin Moser (kulturzeit) für 3sat.de
  - Stephen Holden für movies.nytimes.com
   
Verleiher
Frenetic

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